“Als Richterin schätze ich die Unabhängigkeit und die freie Zeiteinteilung, trotz der vielen Herausforderungen am Hamburger Hauptbahnhof – das ist ein spannender, vielseitiger Beruf, der mich morgens mit Freude zur Arbeit gehen lässt.”
Teilnahme am IMR Jurapodcast
Der Vis Moot hat mein Jura-Studium regelrecht turbo-geladen: Dort kombinierte ich meine alte Schauspielleidenschaft mit juristischem Argumentieren, lernte internationales Arbeiten und knüpfte ein Netzwerk, das mir Praktika, einen LL.M. in Paris und wertvolle Freundschaften eröffnete. Ohne den Moot stünde ich heute nicht da, wo ich bin.
Ich habe während des Referendariats gemerkt, dass mich das Gericht am meisten reizt. Die Mischung aus eigenständiger Fallbearbeitung, Verantwortung für das Urteil und echter Unabhängigkeit passte perfekt zu mir. Als ich mich fragte, wo ich morgen mit Freude hingehe, lautete die ehrliche Antwort: in den Sitzungssaal. Da war klar – ich werde Richterin.
Mein Bauchgefühl war ausschlaggebend. Nachdem ich objektiv Pro- und Contra-Listen erstellt hatte, hörte ich darauf, welche Option sich leicht und richtig anfühlte. Dieses innere Signal führte mich schon oft verlässlich. Also vertraute ich ihm auch hier und wählte den richterlichen Weg.
Als Richterin bestimme ich selbst über Aktenlauf, Arbeitszeiten und Urteil. Wenn ich abends länger bleibe, dann weil ich es will, nicht weil ein Mandant um Mitternacht noch eine Mail erwartet. Diese fachliche und zeitliche Eigenständigkeit ist für mich unbezahlbar – sie gibt Raum für gründliche Entscheidungen und ein planbares Privatleben.
Montags und mittwochs verhandle ich. Am Vortag lese ich jede Akte, organisiere Dolmetscher, notiere Fragen. Während der Sitzung führe ich bis zu acht Verfahren, entscheide, diktiere das Tenor und starte Urteilsfristen. Die übrigen Tage nutze ich für Urteilsgründe, neue Ladungen und meine täglich anfallende „Dekretur“. So strukturiere ich die Woche vollkommen eigenständig.
Besonders fordern mich die Drogendelikte rund um den Hauptbahnhof. Vor dem Drop-In-Zentrum treffen bis zu zweihundert Abhängige auf Dealer ohne Eigenkonsum. Neben Betäubungsmittelverfahren häufen sich Diebstähle und Gewaltdelikte aus Beschaffungsdruck. Diese Verfahren sind arbeitsintensiv, zeigen aber eindrücklich, wie Strafrecht, Sozialpolitik und Stadtentwicklung ineinandergreifen.