“Früher war immer die Rede von Juristenschwemmen. Das hat sich seit einigen Jahren geändert. ”
Teilnahme am IMR Jurapodcast
In einer Londoner Reformarbeitsgruppe präsentierte ich Dogmatik – sofort fragte man nach harten Daten. Mir wurde klar: Internationale Reformen brauchen Evidenz, nicht nur Systematik. Diese Erfahrung lehrte mich, empirische Methoden als unverzichtbare Ergänzung zur Juristerei zu nutzen und legte den Grundstein für meine spätere Forschung über den Anwaltsberuf.
Schon während meiner Promotion merkte ich, dass rein dogmatische Überlegungen allein nicht genügen. Britische Kollegen verlangten Zahlen und Wirkungsanalysen. Dieses Aha-Erlebnis trieb mich an, Rechtspolitik künftig faktenbasiert zu unterfüttern. Seitdem verbinde ich Berufsrecht mit Statistik und Umfragen, um Entscheidungen belastbarer zu machen – denn wer Recht gestalten will, muss wissen, wie es tatsächlich wirkt.
Seit 2017 ist die Zahl klassischer Kanzleianwälte um rund zehn Prozent gefallen. Für Studierende ist das eine Zeitenwende: Die gefürchtete „Anwaltsschwemme“ existiert nicht mehr, die Berufschancen waren nie besser. Zugleich entstehen Versorgungslücken, besonders fern der Großkanzleien. Wir müssen daher neue Modelle der Rechtsberatung entwickeln.
Unsere Langzeitstudien zeigen: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit sinkt, extreme 60-Stunden-Modelle werden seltener. Partner arbeiten inzwischen oft mehr als Associates. Nachwuchsmangel und der Wunsch nach Work-Life-Balance zwingen Kanzleien umzudenken. Für Bewerber zählt daher der Stundenlohn, nicht nur das Jahresbrutto.
Schon vor fast zwei Jahrzehnten leitete ich erste Umfragen unter Berufseinsteigern. Die andere Denkweise der jungen Generation – Sinn, Flexibilität, flache Hierarchien – fesselte mich sofort. Seitdem analysiere ich kontinuierlich die ersten Berufsjahre, weil dort entschieden wird, ob Talente bleiben oder gehen.
Als studentischer Mitarbeiter war die Kanzleikarriere vorgezeichnet. Doch das Promotionsangebot im Berufsrecht weckte meinen Forschergeist. Dort entdeckte ich, dass mich das Analysieren rechtlicher Strukturen stärker reizt als Mandatsarbeit. Schritt für Schritt zog mich die Universität hinein – bis ich merkte, dass meine dauerhafte Heimat die Wissenschaft ist.