Teilnahme am IMR Jurapodcast
In Cambridge lernte ich, umfangreiche Literatur in kürzester Zeit auf Kernthesen zu reduzieren und diese kontrovers zu diskutieren. Diese „rapid-reading-und-argumentation“-Technik nutze ich heute, wenn ich unter Zeitdruck Richtlinienentwürfe, Urteile oder Gutachten erfasse und für Mandanten handlungsleitende Punkte ableite.
Ich wollte beide Qualifikationen unbedingt erwerben und wusste, dass ich mich im Referendariat voll auf Praxis und Netzwerken konzentrieren möchte. Deshalb habe ich parallel promoviert und anschließend den einjährigen LL.M. in Cambridge absolviert. So konnte ich Forschungstiefe, Auslandserfahrung und einen zusätzlichen Abschluss bündeln, bevor es in die Ausbildungsstationen ging.
Ich habe früh gespürt, dass europäisches Recht weit über reine Dogmatik hinaus den Blick auf Wirtschaft und Gesellschaft öffnet. Die Wechselwirkungen zwischen EuGH-Rechtsprechung und nationalen Systemen fand ich intellektuell herausfordernd und zugleich praxisnah – man versteht plötzlich, warum Normen echte politische Wirkung entfalten. Dieses Mehr-Ebenen-Denken hat mich gepackt und nie losgelassen.
Als Anwältin bekomme ich komplexe, kaum vorstrukturierte Sachverhalte und kann kreativ Lösungen gestalten, die den Mandanten wirklich voranbringen. Man vereint dogmatische Präzision, strategisches Denken und Verhandlungsgeschick. Diese Mischung aus juristischer Analyse und wirtschaftlicher Gestaltungskraft reizt mich weit mehr, als bloß zu entscheiden oder zu verwalten.
In Brüssel sitze ich an der Quelle: Kommission, Unionsgerichte, Ministerräte und zahlreiche Fachverbände sind fußläufig erreichbar. Gleichzeitig berate ich überwiegend deutsche Mandanten, arbeite also zweisprachig und kann standortübergreifend mit Kolleginnen in Bonn und Berlin Teams bilden. Diese Mischung aus Internationalität und Nähe zum entscheidenden Forum ist einzigartig.
Wir regen oft bereits beim nationalen Gericht die Vorlage an, verfassen Schriftsätze, entwerfen das Plädoyer, melden unbekannte Termini vorab für die Dolmetscher und proben mögliche Fragen. Am Verhandlungstag trifft man die Kammer kurz, plädiert in der Verfahrenssprache, beantwortet Fragen und wartet später auf die Schlussanträge des Generalanwalts. Vorbereitungstage gehen dabei in die zweistelligen Bereiche.