"Versuchen Sie aus dem Einzelkämpfertum herauszukommen und bilden Sie Lerngruppen!"

Promotion | Nachhaltigkeit | Klimarecht

Folge 206 deines Jura-Podcasts zu Job, Karriere und Examensthemen.

Folge 206 Eures Jurapodcasts mit spannenden Vorbildern und Persönlichkeiten, heute mit Dr. Jan-Erik Schirmer. Wie kam er dazu, sich mit nachhaltigem Privatrecht zu beschäftigen? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Haftung juristischer Personen? Sollten Hersteller für ihre Angaben zur Nachhaltigkeit haften? Was ist eine Klimaklage? Wie schätzt er die Aussichten im Verfahren des peruanischen Landwirts vor dem OLG Hamm ein? Wie wurde er Privatdozent? Was macht die Mitarbeit an seinem Lehrstuhl aus? Antworten auf diese und viele weitere Hintergründe zu einem spannenden und stark wachsenden Querschnitts-Rechtsgebiet erhaltet ihr in dieser Folge. Viel Spaß!

Inhalt:

  • 00:00 Sponsor: Heuking
  • 00:42 Intro & Update
  • 02:15 Vorstellung Jan-Erik
  • 05:13 Professorendasein und Lehre
  • 08:04 Motivation zur Promotion
  • 17:51 Nachhaltiges Privatrecht
  • 23:42 Falsche Herstellungsangaben als Sachmangel?
  • 31:42 Klimaklage vor dem OLG Hamm
  • 40:13 Mitarbeiten bei Jan-Eriks Lehrstuhl

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Transkript


Dr. Jan-Erik Schirmer 0:01:20
Hallo.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:02:15
Gute Frage und gar nicht so leicht zu beantworten. Ich komme nicht aus so einer Juristendynastie. Also bei mir ist es nicht so, dass es in meiner Familie überhaupt irgendwelche Juristen gab. Und es war auch nicht so, dass ich schon quasi seit meinem dritten Lebensjahr davon geträumt habe, Jura zu studieren, was auch daran lag, dass ich mir, glaube ich, gar nicht vorstellen konnte, was eigentlich Jura ist. Ich wollte irgendwann, denn während der Schulzeit, so kurz vorm Abitur, wollte ich gern Journalist werden. Ich fand irgendwie Schreiben gut, ich wusste, ich kann ganz okay schreiben, mich interessierte Politik und dann hatte ich damals überlegt, was ich dazu studieren wollte. Und ich hatte eigentlich gedacht, na gut, Journalist, studiert man Journalistik. Aber mein Englischlehrer damals, zu dem ich bis heute eine sehr enge Beziehung habe, der mich sehr geprägt hat, der meinte zu mir, ah nee, studier mal Jura. Und dann schaute ich ihn, ich weiß es noch ganz genau, ich schaute ihn an und dachte mir, also Jura, nun ganz bestimmt nicht. Ich dachte, das wäre trocken. Ich dachte, das wäre irgendwie so ein Fach, wo man viel auswendig lernen muss. Aber er sagte, ja, geh mal in eine Vorlesung, schau dir das mal an, ich kann mir vorstellen, dass das für dich ganz geeignet ist. Und so habe ich es gemacht. Ich habe mich mal in eine Vorlesung gesetzt, damals noch quasi kurz vor dem Abitur und es war eine Strafrechtsvorlesung und ich fand das eigentlich ab der ersten Minute total interessant. Ich dachte, da geht es irgendwie um so Probleme aus der echten Welt, so ist es ja häufig im Strafrecht. Es ging darum, irgendwie Lösungen zu finden, es wurde diskutiert und irgendwie war auch immer klar, dass dahinter irgendwie so größere gesellschaftliche Probleme stehen. Und das hat mich von Anfang an fasziniert, auch dieser Anwendungsbezug des Juristischen, der auch immer auch in diesem falllösungsorientierten Arbeiten und was schon damals in der Vorlesung deutlich wurde, irgendwie zum Ausdruck kommt. Und dann dachte ich, okay, wenn mein Englischlehrer das sagt, ich mir das mal angeguckt habe, dann studiere ich halt Jura und dann kann ich ja immer noch Journalist werden.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:08:06
Jein, also ich habe mit einer relativ klassisch-historisch-dogmatischen Arbeit promoviert. Da habe ich zur Haftung von juristischen Personen promoviert. Das ist ein Thema, was mich mit heute deshalb noch beschäftigt, weil ich irgendwann auf den Trichter gekommen bin, dass es für die Frage, wieso Geschäftsleiter in Unternehmen haften, vor allem darum geht, dass ich verstehen muss, wie eigentlich diese Unternehmenshaftung funktioniert und vor allem, wie unser Bild im Recht vom Unternehmen von der juristischen Person ist. Dann habe ich mich angefangen mit so Themen wie Rechtsfähigkeit, Rechtspersönlichkeit auseinanderzusetzen. Und das sind Themen, die mich bis heute begleiten. Also ich habe zum Beispiel danach, Jahre später, mich gefragt, ob künstliche Intelligenz, autonome Systeme, wie man die rechtlich fassen könnte. Es gab dazu schon Diskussionen, ob man möglicherweise den ein rechtlichen Status wie Rechtsfähigkeit oder Rechtspersönlichkeit zu erkennen sollte. Und da konnte ich quasi aufbauen auf meinen allgemeinen zivilrechtlichen, gesellschaftsrechtlichen Überwegungen zu Rechtsfähigkeit und Rechtspersönlichkeit, wann das Recht denn mit diesen Kategorien arbeitet, was ich dann quasi anwenden konnte auf diese Diskussionen. Und das begleitet mich eigentlich immer noch so weiter. Und mich hat auch in der DISS dann irgendwann vor allem interessiert, wie wir juristisch argumentieren und warum sich bestimmte Argumente durchsetzen und andere nicht. Das war dann fast schon so wissenschaftssoziologisch, man könnte auch sagen vulgär, diskursanalytisch, ohne dass ich das wusste.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:10:21
Ja, genau. Und auch diese Diskussion habe ich in meiner Diss aufgegriffen, weil ich habe mich mit der Deliktshaftung von juristischen Personen beschäftigt, also mit einer privatrechtlichen Frage. Aber die Haftung für Delikte und eine strafrechtliche Verantwortlichkeit ist ja so weit nicht auseinander. Ideengeschichtlich kommt sie sogar aus der gleichen Wurzel. Und da war es interessant zu sehen, dass eben diese strafrechtliche Diskussion, juristische Personen können dich doch nicht strafbar machen, letztlich auch die Debatte beeinflusst hat für die Frage, ob juristische Personen deliktisch haftbar sind. Und das war so im 19. Jahrhundert eine Diskussion, die sich darum entsponnen hatte und das war eben sehr sehr stark aufgeladen von, dass man, Das sind dann bestimmte Rechtswissenschaftler, die damals ganz führend waren, gesagt haben, wenn wir erstmal Verbände, juristische Personen so menschenähnlich konzeptionalisieren, verstehen wir sie besser. Aber dann ist man quasi in so einer Vermenschlichungsfalle getappt, so könnte man das nennen. Auf einmal hat man quasi zu sehr die Menschenähnlichkeit gesucht und dadurch sieht man auch bestimmte Probleme aus so einer Perspektive, wie wäre das, wenn sich ein Mensch so verhalten würde und vergisst manchmal dabei so ein bisschen, dass Unternehmen eben nicht Menschen sind. Das zeigt sich so ein bisschen bei so Fragen, haben Unternehmen Persönlichkeitsrechte? Ja, kann man begründen, aber sicherlich nicht damit, dass sie menschenähnlich sind, weil sie sind immer was ganz anderes. Also das ist so eine Frage, mit der ich mich dann danach angefangen habe zu beschäftigen und das war so nach so einem Fortwirken aus der DISS, wo ich mich angefangen habe mit dieser Argumentationstechnik vom Menschen her zu denken auseinandergesetzt.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:12:15
Gute Frage. In der Tat war das bei mir so, dass ich quasi, ich habe mein Thema gefunden, vielleicht hat mein Thema in gewisser Weise auch irgendwie mich gefunden, aber ich kam quasi mit einer Idee zu meinem Betreuer. Gregor Bachmann hat meine Diss betreut und das erste große Glück war, dass er mir da freie Hände, freie Hand gelassen hat. Er hat gesagt, interessantes Thema. Versuchen Sie es doch mal. Ich glaube, wie du gerade richtig gesagt hast, die Diss-Phase ist eine doch relativ lange Zeit. Also selbst wenn man fix ist, anderthalb Jahre eher wahrscheinlich so Richtung drei oder mehr. Und man sollte sich, glaube ich, fragen, wie schaffe ich es über so eine lange Zeit, meine Motivation hochzuhalten. Und ich bin davon überzeugt, dass die Motivation vor allem dann hochgehalten werden kann, wenn man an einer Frage knobelt, die einen wirklich interessiert. Und eine Frage, die einen wirklich interessiert, kann oder wird häufig eine Frage sein, über die man irgendwie gestolpert ist und die man vielleicht auch selbst gefunden hat, gesagt hat, das überzeugt mich aus den und den Gründen nicht. Also beim dogmatischen Thema, ich habe so ein Störgefühl, das wird bisher so gemacht, aber irgendwie habe ich so eine Idee, dass das nicht ganz richtig sein kann. Ich versuche das mal anders zu machen. Oder wenn man sich irgendwie mehr so aus einer, also aus der dogmatischen Perspektive sich zum Beispiel eine Regelung anguckt, wirkt die überhaupt? Hat sich der Gesetzgeber, was hat sich dabei gedacht und erzielt das oder werden die Ziele erreicht, die bezweckt waren? Wenn das die Fragestellungen sind und man selbst quasi mit eigener intrinsischer Motivation dieser Frage nachgeht, trägt einen das durch die Zeit, weil eine DISS wie jedes längere Projekt hat Höhen und Tiefen. Es werden diese Tiefen kommen und vor allem ist das nach meiner Erfahrung so und ich glaube auch nach der Erfahrung von vielen, sind diese Tiefen vor allem am Anfang. Wenn man sich erstmal in so ein Thema reinwühlt. Es beginnt erstmal, man ist hoch euphorisch, man hat so einen Zugriff, man fängt an und dann irgendwann liest man sich ein und dann fühlt man sich ganz klein. Man denkt so, okay, also da haben sich so viele Leute schon Gedanken zugemacht, was soll ich dazu beitragen? Ich weiß eigentlich überhaupt nicht mehr, wo unten und oben ist, was will ich überhaupt sagen? Und durch diese Phase, die wirklich eben mit sehr viel Nachdenken, manchmal vielleicht auch mit Verzweiflung verbunden ist, trägt einen doch das deutlich mehr durch, wenn es eine Frage ist, die einen von Anfang an wirklich motiviert hat, dass man der nachgehen will. Das ist, muss ich zugeben, eine sehr idealistische Sicht auf die Dinge. Ich weiß, dass es nicht jedem und jeder so geht, dass man so eine Frage findet, aber dann würde ich zumindest versuchen, im Gespräch mit der Betreuerin den Betreuer so herauszuschälen, was sind so Fragestellungen, die einem im Studium vielleicht interessiert haben, wo könnten interessante Themen liegen und so zu einem Thema, ein Thema zu finden, vielleicht auch so ein bisschen angestupst durch die Betreuerin oder den Betreuer. Was ich aber glaube ich vermeiden würde, ist irgendwie, okay, was ist gerade interessant, was wird gerade diskutiert, was ist vielleicht irgendwie ein Hot Topic und da setze ich mich mal rauf. Wenn man nicht selbst irgendwie motiviert ist, an diesem Topic zu arbeiten, glaube ich, wird das vor allem sehr zäh diese Jahre. Ja.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:15:19
Ja, also, dass man nicht aus Papier bringen kann, das kenne ich auch. Und das kennt wahrscheinlich, wenn wir ehrlich sind, jeder von uns, der irgendwie Rechtswissenschaft betreibt. Das kennt jeder, der Texte schreibt. Die Situation, dass quasi diese Seite sehr weiß und sehr leer ist, ist so eine Urangst, glaube ich, wenn man irgendwie Texte schreiben möchte. Und da gibt es Strategien, wie man da weiterkommt. Also zum einen gibt es so Ansätze wie so Free Writing. Da ist die Idee zu sagen, ich lasse mal jede Form weg. Ich lasse mal jede Frage von gerade Fußnoten weg bei unserem Schreiben. Ich schreibe einfach mal drauf los, dann steht da was. Und wenn da erstmal was steht, dann kann ich versuchen, das, was da steht, dann etwas abzuschleifen, mit Fußnoten zu versehen, daraus wirklich einen vernünftigen Text zu machen. Wenn das schon nicht hilft, wenn man eigentlich gar nicht so genau weiß, was will ich eigentlich gerade sagen, dann ist meine Erfahrung, dass es immens hilft, mit anderen Menschen darüber zu reden. Also was ich dann immer gemacht habe, sowohl in der DISS als auch in der Habil und bis heute, wenn ich mich Dinge umtreibe und ich weiß auch nicht genau, was ich eigentlich dazu sagen soll, dass ich mich erst mal mit Leuten zusammensetze und einfach darüber rede. Und allein, dass ich da mit jemandem darüber rede, sorgt, da komme ich wieder zu dem, was ich eben gesagt habe, dafür, dass ich jemandem anderen das näher bringen muss. Was ist eigentlich meine Frage? Wie möchte ich mich dieser Frage nähern? Ich muss es also jemandem anderen erklären. In dem Moment, wo ich das erkläre, ohne es zu merken, verstehe ich häufig, ist schon ein bisschen besser. Und auf einmal sehen dann Dinge auch danach deutlich klarer und leichter aus, als es vorher war. Und optimalerweise sitzt dann auf der anderen Seite noch ein Mensch, der auch noch ganz gute und das ist eigentlich immer so Antworten darauf hat und dann entsteht in so einem Dialogprozess letztlich so eine Idee für, wie man sich eigentlich der nächsten Frage nähern kann. Und das ist eine Sache, die für mich gut funktioniert und die, glaube ich, bei vielen anderen auch gut funktionieren kann. Also kurz gesagt, sich Verbündete und Hilfe holen und da gibt es genug Leute, die häufig einem auch helfen wollen und das gut machen können. Das muss übrigens nicht der Betreuer oder die Betreuerin sein, das kann auch jemand anders sein. Zum Beispiel guter Freund, die Partnerin, der Partner, wer auch immer. Ja, müssen auch keine Juristen sein. Manchmal hilft auch das.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:18:27
Ja, ich glaube, ich kann deine Überleitungsvorlage aufnehmen, weil ich kann daran anschließen, wie ich auf das Thema gekommen bin. Und so komme ich auch zu den Themen, die mich da umtreiben und die mich auch in der Arbeit umgetrieben haben. Aber also ich war mit der DISS fertig. Ich hatte dann irgendwie die Idee gefasst, ich würde es gern versuchen, den nächsten Schritt zu machen, vielleicht in die Wissenschaft zu gehen. Und ich war auf einer Tagung, das war so eine Doktorandentagung in der Spätphase meiner DISS und dort trat als quasi Keynote-Speaker ein Klimawissenschaftler auf. Anders Levermann heißt er, der ist vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Und er hatte einen Vortrag vorbereitet, wo es allgemein über den Stand der Klimaforschung gehen sollte, aber er hatte seinen Vortrag unmittelbar bevor er begonnen oder beginnen wollte umgeschmissen, weil er kam relativ, man kann es doch sagen, deprimiert zu diesem Vortrag. Und da sagte er, er ist deshalb deprimiert, weil er gerade erst vorgestern mit Leuten aus dem physikalischen Department gesprochen hatte und die hatten ihm erzählt, dass so ein großer Punkt im Klimasystem, das nennt sich Kipppunkte, bestimmte Punkte, die besonders wichtig für das System sind, dass die Simulation dieser Forschungsgruppe gezeigt hat, dass dieser Kipppunkt nach ihren Modellen und ihren Daten nicht mehr zu retten ist und perspektivisch kippen wird, was für das Klimasystem als Ganzes fatal sein kann. Und er erzählte uns in diesem Vortrag nun darüber, was diese Forschungsgruppe herausgefunden hatte und der endete damit, dass er sagte, also es war mucksmäuschenstüll in dem Raum, er blickte in unsere Gesichter und er schaute uns an und sagte, ich sehe hier überall Gesichter, die bewegt sind von diesem Vortrag, die jetzt quasi losstürmen wollen, irgendwie was daran ändern wollen. Und vielleicht denken Sie mal daran, dass es wahrscheinlich nicht zielführend ist, wenn jeder von Ihnen jetzt versucht, Eisbären zu retten, sondern denken Sie vielleicht mal darüber nach, wie Sie mit Ihrem Bereich, in dem Bereich, wo Sie ein bisschen was von verstehen, was Sie vielleicht ganz gut können, vielleicht dazu beitragen können, dass wir als Gesellschaft dieses Klimaproblem ein bisschen in den Griff bekommen. Und das, super pathetisch, aber das ist eine Sache, die mich nicht mehr losgelassen hat. Ich saß da und dachte so, okay, ja, stimmt eigentlich. Also vielleicht kennt diejenigen, die hier zuhören, manche von ihnen so Jura-Sinn-Krisen, die man manchmal hat. Man sitzt da, man denkt so, okay, ja, das ist zwar interessant, ist spannend, aber warum genau mache ich das? Und diese Sinnkrisen hatte ich häufiger und da dachte ich, okay, vielleicht könnte ich ja das, was mich interessiert, nämlich Rechtswissenschaft, verbinden mit diesen Themen, die jetzt offenbar für uns als Gesamtgesellschaft sehr drängend sind, wie Klima und Nachhaltigkeit. Und ich habe darüber angefangen nachzudenken, was sind das denn so für Themenbereiche im Privatrecht, wo Nachhaltigkeits- und Klimaschutzbelange eine Rolle spielen könnten.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:21:05
Und das ist jetzt genau zum Beispiel, dass ich mich dann gefragt habe, wir wissen oder wir beobachten, dass seit Jahren, dass seit Jahrzehnten im großen Stil emittiert wird. Wir wissen, dass Emissionen von Treibhausgasen den Klimawandel anheizen. Inwiefern könnte denn das Emittieren von Treibhausgasen möglicherweise eine Haftung der Emittenten auslösen? Das ist das, was wir heute unter dem Begriff der Klimahaftung diskutieren. Eine Thematik, die schon seit längeren Zeiten mal in den USA diskutiert wurde und Deutschland eher so stiefmütterlich behandelt wurde. Und in der Zeit, als ich angefangen habe, über das Thema nachzudenken, so ein bisschen zum Thema avancierte. Und das war eine Sache, wo ich dachte, ah ja, okay, ich habe in der Vergangenheit über Deliktshaftung nachgedacht, mich mit Haftung beschäftigt. Mich interessieren diese Klima- und Nachhaltigkeitsthemen. Das beides greift auch jetzt ineinander. Dann denke ich doch mal über Klimahaftung nach. Gleichzeitig hat mich zum Beispiel auch interessiert, als anderes Beispiel, was ich in meiner Habit auch gemacht habe, inwiefern, wenn jetzt ein Hersteller Produkte herstellt und entweder der Hersteller oder der Verkäufer Angaben macht, sei es in so Code of Conducts, die mittlerweile wir viel beobachten können oder in so allgemeinen Berichterstattungen über die Nachhaltigkeitsbestrebung von Unternehmen, nehmen, wie und wie intensiv sie zum Beispiel ihre Lieferkette jetzt überwachen, inwiefern diese Erklärungen vielleicht Anknüpfungspunkte sein könnten für eine Sachmängelhaftung. Das waren so konkrete Themen, die mich umgetrieben haben. Die aber alles entscheidende Frage, die im Vorfeld ich beantworten wollte, war, warum ist es eigentlich so, dass sich die Privatrechtswissenschaft mit diesen Fragestellungen wie Klimahaftung, wie. Nachhaltiger Sachmängelhaftung so schwer tut. Warum ist es so, dass wenn man an das Privatrecht Nachhaltigkeitsfragen heranträgt, die Reaktion des Privatrechts oder der Privatrechtswissenschaft jemals damals erstmal war zu sagen, Moment mal, interessant, ja, wir sind alle für Nachhaltigkeit, alle für Klimaschutz, aber das sind doch Fragen, die ins öffentliche Recht gehören. Das ist doch nichts, was im Privatrecht passieren muss.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:28:35
Aber so ähnlich wie bei Werbung, glaube ich, würden die meisten von uns sagen, naja, also wir lassen uns vielleicht davon so ein bisschen beeinflussen. Auch dazu gibt es Studien, die das belegen. Aber im Kern nehmen wir das vielleicht nicht so total für bare Münze. Also wir wissen so, ja okay, die sagen das nicht einfach nur, die versuchen schon ein bisschen was, aber so ganz konkret, so ganz einst meint die das nicht. Genauso wie eine Werbung, das ist eine reißfeste Hose, Also niemals reißt. Wir wissen, naja, die wird vielleicht auch mal reißen, aber zumindest ist sie vielleicht reißfester produziert worden. Und aus dieser Parallele, dass man halt Werbung nicht so wirklich für voll nimmt häufig, jedenfalls die Kernaussage nicht und auch diese Statements in diesen Nachhaltigkeitsberichten nicht so für voll genommen werden, ziehen viele den Schluss zu sagen, naja, das können keine Anknüpfungspunkte für Beschaffenheitsmerkmale sein, eben weil doch jeder weiß, das ist nicht so ganz ernst gemeint. Und was ich jetzt gemacht habe, ist, dass ich mir mal ein bisschen genauer diese Berichte angeguckt habe, was steht da wirklich drin und dann habe ich eine Parallele gezogen zu, wie wir Werbeaussagen auf ihren Kerngehalt quasi herunterschrumpfen lassen, Nämlich bei Werbeaussagen ist es relativ geklärt, weil das ist ein Phänomen, was wir schon länger beobachten, dass wenn eine Werbeaussage getätigt wird, ich zwar nicht das komplett für bare Münze nehme, was dort gesagt wird, aber zumindest zum Beispiel bei der reißfesten Hose davon ausgehe, dass sie dann eben reißfester ist als andere Hosen. Also zumindest mit etwas mehr Aufwand hinsichtlich der Reißfestigkeit produziert wurde. Also ich mache so einen Abschlag, ich weiß, die wird auch irgendwann mal reißen, aber ich gehe davon aus, die ist reißfester als der Durchschnitt. Und dieses Konzept habe ich nun quasi angewendet für die Frage, wenn so Unternehmen zum Beispiel in so Nachhaltigkeitsberichten oder Code of Conduct sagen, wir überwachen unsere Lieferkäste, wir setzen uns für die Menschenrechte ein, wir sorgen dafür, dass niemand bei uns zu Schaden kommt. Dass, wenn man sich diese Berichte dann im Einzelnen anguckt, dass die Erwartung von nun den Lesenden dieses Berichts ist, letztlich zu sagen, ich nehme das zwar nicht für bare Münze, ich weiß, da ist auch viel Prosa dabei, aber zumindest bemüht ihr euch quasi über den Durchschnittsaufwand hinaus, dass es nicht zu Schäden kommt im Rahmen eures Lieferprozesses. Und wenn nun dann diese Erwartung enttäuscht wird, dann ist das, so meine ich, ein Anknüpfungspunkt für einen Sachmangel, der dann eben nach Erfüllungsansprüche in dem Fall der Käuferin auftritt.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:31:06
Klar, das OLG-Verfahren ist der berühmte RWE-Fall, der gerade vor dem OLG Hamm verhandelt wird. Und der RWE-Fall geht im Kern so. Wir haben einen Kläger, dieser Kläger ist peruanischer Staatsbürger und der ist Grundstückseigentümer eines Grundstücks mit einem Haus bebaut in Peru. Und dieser Kläger hat sein Grundstück in der Nähe eines Gletschers in den peruanischen Anden und der Kläger befürchtet, dass dieser Gletscher, oder er beobachtet, dass dieser Gletscher immer weiter abschmilzt und er befürchtet, dass dieser abschmelzende Gletscher nun dafür sorgt, dass über den Gletschersee, der immer größer wird, irgendwann sich eine Flut ins Tal ergießt und sein Grundstück überflutet und damit sein Eigentum zu schaden kommt. Was noch nicht passiert ist. Genau. Das befürchtet er nur. In dieser Befürchtung, in dieser Situation der drohenden Flut hat er nun folgendes gemacht. Er hat auf sein bestehendes Haus ein zweites Stockwerk raufgesetzt, weil er, was zutreffend ist, davon ausgeht, dass in dem oberen Stockwerk quasi, wenn die Flut kommen sollte, er und seine Familie sicherer ist, weil dann können sie ins oberen Stockwerk flüchten. Unteren im Erdgeschoss werden sie der Flut eben ausgesetzt. Und er hat gleichzeitig die Wände des Hauses verstärkt, sodass quasi, wenn die Flut kommen sollte, das Haus eine höhere Wahrscheinlichkeit hat, den ganzen Stand zu halten. Also er hat, juristisch formuliert, Schadensvermeidungsmaßnahmen ergriffen, die er selbst vorgenommen hat. Und was er nun gerne von RWE hätte, ist, dass er so argumentiert. Er sagt, du RWE bist einer der größten Emittenten von Treibhausgasen, deine von dir freigesetzten Treibhausgase haben dazu geführt, dass das Klima sich weltweit und auch bei mir lokal erwärmt hat. Das sorgt dafür, dass der Gletscher schmilzt, das sorgt dafür, dass der Gletschersee immer mehr an Volumen annimmt, das sorgt dafür, dass das Überflutungsrisiko steigt und um die Situation zu vermeiden, dass meine Rechtsgüter geschädigt werden, habe ich die Sache selbst in die Hand genommen, habe also das gemacht, was du eigentlich machen müsstest, nämlich mich vor diesen Schädigungen zu bewahren. Und deswegen verlange ich jetzt von dir Aufwendungsersatz. Und das geht über die Anspruchskundlage, entweder über eine Geschäftsführung ohne Auftrag, weil der Kläger sagt, okay, ich habe eigentlich ein Geschäft geführt, was eigentlich ein Geschäft von RWE wäre, weil die sind ja Störer nach seiner Argumentation, die hätten das machen müssen. Oder über eine Aufwendungskondition 812, also zu sagen, ich habe letztlich eben Aufwendungen betrieben, die eigentlich in deine Sphäre gehören, weil du hättest das machen müssen als eben Störer dieser Gefährdungssituation. Und dadurch sind ihm Kosten entstanden und die verlangt er jetzt in diesem RWE-Verfahren ersetzt. Aber nochmal in der Situation, wo es noch nicht zur Überflutung gekommen ist.
Dr. Jan-Erik Schirmer 0:39:28
Mir ist wichtig bei meinen Leuten, dass die Leute quasi eine Motivation mitbringen, warum sie das machen wollen. Also so ein bisschen wie ich eingangs gesagt habe, dass ich es bei mir selbst gut fand und mich sehr motiviert hat, dass mich ein Thema umgetrieben hat, interessieren mich Menschen, die mit Themen kommen, also die sich für Themen interessieren. Wenn diese Themen sich mit meinen Forschungsinteressen decken, dann glaube ich, haben wir schon quasi eine Schnittmenge, aus der viele coole Dinge entstehen können. Mich, ich mag auch kommunikative Menschen, Menschen, die in Gruppen gern arbeiten, die sich gern mit anderen austauschen, die interessiert sind an anderen Ideen, die auch mal ihre eigenen Ideen hinterfragen, challengen, immer wieder fragen, okay, das habe ich bisher so gemacht, überzeugt das eigentlich? Das ist eine Sache, die ich in meiner Arbeit am Lehrstuhl sehr genossen habe, mit anderen klugen Menschen umgeben zu sein, immer wieder so meine eigenen Ideen nachzuschärfen, immer wieder neu zu überdenken und gleichzeitig das Ganze eben als Gruppe an so einem Projekt zu arbeiten. Weil ein Lehrstuhl, arbeiten an einem Lehrstuhl ist auch immer gruppenbezogene Arbeit, weil man nicht nur an gruppenbezogenen Projekten arbeitet, sondern weil man auch immer vor allem als Gruppe sich mit bestimmten Fragen befasst. Und da kann ein total toller Spirit entstehen. Da kann eine Gruppendynamik entstehen, die oftmals einen so ein bisschen vergessen lässt, dass man hier irgendwie zum Beispiel auch gerade arbeitet. Das nicht heißen soll, dass man ein bisschen die Nacht arbeiten muss, auf keinen Fall. Allerdings eben ist das das Ideal. Also ich habe. Das Glück gehabt, dass ich häufig mit Leuten am Lehrstuhl in Gruppen gearbeitet habe, die sich für ähnliche Dinge interessiert haben, gleichzeitig alle eigene Köpfe waren, über Dinge anders nachgedacht haben, aus verschiedenen Perspektiven drauf geblickt haben und das ist ungemein fruchtbar. Und das würde mich interessieren. Also ich fände es zum Beispiel auch nicht nur toll, wenn sich vielleicht Leute für meine Arbeit interessieren und mit mir zusammenarbeiten wollen, die vielleicht Dinge ähnlich sehen wie ich. Mich würde auch gerade interessieren, wenn Leute zu mir kommen, die sagen, Moment, aber das alles überzeugt mich nicht, das sehe ich ganz anders. Und dann quasi in der Zusammenarbeit meine eigenen Ansätze und vielleicht auch die dieser Person sich verbessern lassen, weil ich von dieser Person lerne. Also deswegen sehe ich das Ganze als nicht nur so eine Einbahnstraße, sondern auch quasi als ein zweiseitiges Ding, dass ich optimalerweise von den Personen, mit denen ich zusammenarbeiten kann, auch noch viel lernen kann, so wie sie von mir was lernen können. Und wenn Sie optimalerweise noch vielleicht einen Background mitbringen, der gerade bei diesen Klimathemen darin besteht, dass Sie sich entweder schon vielleicht ein bisschen damit befasst haben, sei es, weil Sie vielleicht mal früher sowas studiert haben oder weil Sie sich privat dafür interessieren, für naturwissenschaftliche Zusammenhänge, generell für Zusammenhänge außerhalb des Genu in Juristischen, dann stehen bei mir alle Türen offen.
Marc Ohrendorf 0:42:29
Ciao.

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Dr. Jan-Erik Schirmer

Dr. Jan-Erik Schirmer Professor, Europa-Universität Viadrina

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