"Das Thema Erstakademiker:innen ist in der juristischen Welt noch recht neu."

Erstakademiker | Chancengleichheit

Folge 235 deines Jura-Podcasts zu Job, Karriere und Examensthemen.

In dieser Episode spricht Marc mit zwei Gästen: Katja Urbatsch von Arbeiterkind.de sowie Denise Benz von A&O Shearman. Als Denise vor einigen Jahren eine Studie zum Thema Erstakademiker:innen laß, kam sie in München mit Arbeiterkind.de in Kontakt. Arbeiterkind.de unterstützt Studierende aus Familien, in denen sie die ersten an der Uni sind. Welche besonderen Herausforderungen entstehend hierdurch? Inwieweit kann das Thema in der juristischen Welt bereits angekommen? Inwieweit wirkt sich ein akademischer Background in der Familie auch auf die eigenen Karrierechancen aus? Wie kann man Bildungsdurchlässigkeit verbessern? Was können wir hands on in Kanzleien und Justiz tun, um einladender zu wirken und etwaige Hürden abzubauen? Antworten auf diese Fragen sowie viele weitere Aspekte – sowie einen spannenden Veranstaltungshinweis zum Thema – hört Ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!

Inhalt:

  • 00:34 Arbeiterkind.de
  • 04:12 Katjas Blick auf den Rechtsmarkt
  • 13:23 Veranstaltung am 24. Mai 2024 (!)
  • 14:32 Chancengleichheit und Jura

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Transkript


Katja Urbatsch 0:00:22
Hallo.
Denise Benz 0:06:19
Ja, genau. Also ich komme auch aus einem nicht juristischen Umfeld, bin in einem sehr kleinen Dorf in Unterfranken aufgewachsen. Da hat die größte Kanzlei, glaube ich, zwei Anwälte. Ich habe dann in Würzburg studiert, da hat man jetzt auch nicht tagtäglich Kontakt mit internationalen Großkanzleien. Die kommen zwar auch mal zu Besuch an die Uni, aber es ist doch nochmal ein ganz anderes Umfeld, als es in einer Großstadt wie Frankfurt oder München, wo eben so die gängigen internationalen Großkanzleien ihre Büros haben und auch regelmäßig Events machen oder an die Unis gehen. Und habe auch meine Praktika bei der größten Würzburger Kanzlei mit etwas mehr als zehn Anwälten gemacht und dann auch noch bei einem Strafverteidiger. Also eher so ein bisschen den Effizienzgedanken, das Pflichtpraktikum zwar zu absolvieren, aber nicht zu viel Zeit zu investieren, weil ich auch neben dem Studium viel gearbeitet habe beispielsweise. Und bin dann letztendlich das erste Mal nach dem ersten Examen durch Zufall hier in Frankfurt über die Jurakon, also die Juristenmesse, an denen viele Wirtschaftskanzleien dann einen Stand haben und über ihre Tätigkeiten und ihre Kanzleiumfeld informieren, mit der Welt der internationalen Großkanzleien in Berührung gekommen. Habe dort am Stand ein Bewerbungsgespräch geführt und dann mir gedacht, warum nicht komme ich mal hier nach Frankfurt und gehe in so ein Bewerbungsgespräch mit den Partnern in dem damaligen Bereich bei der Kanzlei. Wie du sagst, Katja kam dann hier nach Frankfurt. Ich war als Kind mal ab und zu zum Shoppen hier und da sieht man diese ganzen Gebäude gerade hier so im Westend, wo die ganzen Kanzleien angesiedelt sind und hatte dann dort ein Bewerbungsgespräch mit sage und schreibe fünf Partnern. Es hat mich dann doch schon auch so ein bisschen verunsichert oder auch eingeschüchtert.
Marc Ohrendorf 0:10:35
Ja.
Denise Benz 0:13:53
Das ist richtig. Also ganz ursprünglich würde ich sagen, ich habe vor vielen Jahren mal über eine Studie von, das war damals die EBS Wiesbaden und LTO gelesen, die sich mit einem etwas anderen Aspekt von Diversity, Equity und Inclusion befasst hat, nämlich Menschen mit Migrationshintergrund und beleuchtet hat, wie viel geringer die Wahrscheinlichkeit ist, ein Prädikatsexamen zu machen gegenüber der Vergleichsgruppe. Und da ist bei mir so das erste Mal letztendlich ja dieser Begriff so Chancengleichheit bei uns in der Jura-Welt sehr präsent geworden, habe mich viel damit befasst und habe dann auch sehr viele Gespräche geführt, auch bei uns intern und gemerkt, dass das Bewusstsein tatsächlich für diesen Aspekt nicht so präsent ist wie häufig. Also die Antworten, die ich dann bekommen habe, waren eben, ja, es gibt doch kein Problem. Es gibt in Deutschland quasi keine Studiengebühren, anders als in den USA oder UK. Jeder kann Jura studieren, auch was den NC beispielsweise angeht. Das waren so die Antworten, die ich bekommen habe. Und das ist so ein Aspekt, glaube ich, mit dem brauchen wir uns aktuell nicht befassen. Das ist jetzt auch schon einige Jahre her, es hat sich sehr viel getan in der Zwischenzeit, aber dann kam ja 2022 auch diese Anwaltsstudie Deutschland raus mit der LSE in London, der London School of Economics und Juwe, die beleuchtet hat, wie die deutsche Anwaltswelt aussieht und da war es eben so, dass 70 Prozent der Anwälte und Anwältinnen in Deutschland aus Akademikerhaushalten kommen und sogar jeder Fünfte aus einem juristischen Haushalt und unter den Equity-Partnern, den Kanzleien, also den Gesellschaftern, ist es sogar überwältigend. 20 Prozent. Und ich hatte mich schon auch über Alan Overy damals noch, jetzt Alan O. Sherman, lange Jahre über das Deutschlandstipendium engagiert und hatte dort eine Mentee, für die ich Mentorin war. Und die Kanzlei hat in dem Bereich auch schon viel gemacht. Aber ich wollte gerne noch mehr in der Hinsicht tun und eben auch ideell unterstützen. Also jetzt nicht rein finanziell beispielsweise, sondern eben über Mentoring. Und habe dann über die LMU München bin ich tatsächlich auf arbeiterkind.de dann aufmerksam geworden, habe mich dann eben auch über eure Homepage mal damit befasst und fand das eine tolle Initiative und letztendlich genau das, wo ich auch anknüpfen wollte. Und dann ist über die Lokalgruppe München von arbeiterkind.de letztendlich der Kontakt zu Katja entstanden, weil wir uns eben überlegt haben, dass es doch super wäre, mal so ein Auftakt-Event bei uns in der Kanzlei zu machen, um eben gerade mal dieses Bewusstsein für das Thema Chancengleichheit oder Chancenungleichheit zu stärken. Und das haben wir dann vor ziemlich genau einem Jahr bei uns im Münchner Büro gemacht, was auch an alle Standorte übertragen wurde bei uns in Deutschland. Und die Resonanz war riesig. Also wir hatten dann auch persönliche Geschichten gehört. Es kam zu einem super Austausch, auch bei uns intern. Die Leute haben sich geöffnet, haben von ihren eigenen Erfahrungen erzählt. Und viele kamen danach eben zu mir und haben gesagt, Mensch, was für eine tolle Initiative, können wir da nicht langfristig was draus machen? Ich möchte auch gern unterstützen. Und dann kam eben Katja und hatte gesagt, sie hat da auch diesen Bedarf entdeckt von der Studierendenseite und so kam dann eben die Idee auf, ob man daraus nicht eine langfristige Kooperation machen könnte.
Katja Urbatsch 0:19:00
Ja, ich glaube auch so Fragen im Studium. Ich meine, da geht es ja häufig auch um Strategie. Ich habe jetzt auch gelernt, da gibt es dieses Prädikatsexamen und das ist anscheinend etwas, was man erreichen sollte, um alle Optionen zu haben. Aber ich vermute mal, da gibt es auch Strategien, wie man das erreichen kann. Man kann das vielleicht selber probieren und vielleicht hat man Glück und man macht zufällig alles richtig oder lernt einfach fleißig. Also ich weiß nicht, wie das funktioniert. Da müsstet ihr mir helfen. Aber ich glaube, es hilft vielleicht auch, wenn jemand anderes das schon mal geschafft hat und einem sagt, hier, das waren meine Lernstrategien oder darauf kommt es an oder das ist wichtig. Oder vielleicht auch mal zu sagen, hier, die Bücher sind wichtig oder das ist strategisch wichtig oder auch mal miteinander zu besprechen, wo willst du denn hin? Auch beruflich. Und dann gibt es ja vielleicht auch bestimmte Praktika, die man machen sollte oder vielleicht bestimmte strategische Karriereschritte, die man machen sollte. Wie wird man denn eigentlich Partner? Ich habe auch gelernt, es gibt jetzt irgendwie Partner in diesen Anwaltskanzleien. Wie wird man das und warum macht man das? Also ich glaube, es sind ganz viele basic Fragen einfach. Wie funktioniert die ganze Branche? Was gibt es für Berufsmöglichkeiten? Aber auch aufs Studium bezogen, wie bewältige ich mein Studium, wen kann ich vielleicht auch mal fragen, wenn ich da so eine Hausarbeit schreiben muss oder für Klausuren lerne.
Marc Ohrendorf 0:20:03
Ich mache mal einen shameless self-plug hinsichtlich der ersten beiden Fragen. Prädikatsexamen mal die ganzen irgendwas mit Examenfolgen hier anhören. Wir haben nämlich so eine Sonderreihe gemacht von zwölf Folgen oder 14 sind es gerade, wo wir auf ganz viele solche Fragen eingehen. Und wir haben eine, fällt mir gerade ein, ist nicht vorbereitet, eine Folge letztes Jahr gemacht als Weihnachtsgeschenk für eure Eltern. Die häufigsten Fragen von nervigen Eltern an Jurastudierende, wo wir mal versucht haben, das alles abzufrühstücken. Und vieles geht schon in die Richtung. Was ist das eigentlich mit dem und dem und dem? Ich glaube, den Punkt, den man sozusagen nicht in so einer Allgemeinheit abbilden kann. Ist dieses Thema Vorbilder und konkreten Kontakt mit jemandem zu haben. Also wir versuchen das ja hier im Podcast auch verschiedene Menschen darzustellen und was die so machen, was sie so bewegt hat, aber da auch nochmal fünf oder 15 Minuten mit jemandem wirklich one-on-one zu haben, ist super wertvoll. Ich erinnere mich da an jemanden an der Uni Köln, der ist immer noch Partner in der Kölner Kanzlei, der kannte mich aus verschiedenen Events und den habe ich mal gefragt, soll ich jetzt eigentlich A oder B machen und der hat gesagt, ganz klar, ich kenne dich, mach B und es ist B mit einem Sternchen dann irgendwie auch geworden. Also sowas ist total wichtig. Das kann man gar nicht oft genug sagen. Also auch wenn ihr das jetzt hier gerade hört und ihr habt vielleicht sogar schon Zugang, dann intensiviert vielleicht die Kontakte mit diesen Menschen und ruft da einfach nochmal an, schreibt nochmal eine Karte oder was auch immer. Und wenn ihr die noch nicht habt, dann schaut mal bei arbeiterkind.de oder bei eurer Veranstaltung nächsten Freitag oder auf allen möglichen anderen Kanälen vorbei. Wir haben im Vorgespräch über was gesprochen, das würde ich gerne einfach nochmal so versuchen fassbar zu machen, das ist eine echte Herausforderung im Podcast und zwar so dieses ganze Hemmschwellen abbauen, du hast eben die Kleidung angesprochen, was kann man da tun, also außer vielleicht zu sagen, ja ist alles nicht so schlimm, aber das ist so eine Plattitüde oder man wächst da rein, das ist genauso eine Plattitüde, was kann man da noch konkreter irgendwie tun, um nahbarer zu sein, auch für die ganze juristische Welt?
Katja Urbatsch 0:21:51
Also ich kann es ja vielleicht mal an meinem eigenen Beispiel erklären. Also ich habe Arbeiterkente gegründet und das war auf einmal ein riesen Überraschungserfolg und auf einmal wurde ich überall eingeladen und ich bin da auch in höhere gesellschaftliche Kreise gekommen. Und am Anfang hatte ich da totale Angst, ich dachte auch, ich spreche vielleicht nicht ausgewählt genug, bin ich gut genug angezogen. Ich hatte einen riesen Respekt vor dieser Welt, die sahen alle schick aus, die hatten schicke Klamotten an, da gab es tolle Sachen zu essen und da ist einfach eine riesen Hemmschwelle und auch immer dieses Gefühl, ich gehöre da nicht hin. Und was mir sehr geholfen hat, ist, dass mir die Menschen aber das Gefühl gegeben haben, wir finden das interessant, was du machst, wir finden das klasse, was du machst, wir wollen dich gerne unterstützen, wir haben dich gerne hier dabei und wir sind auch alle ganz normal. Und ich habe dann auch mit der Zeit gemerkt, ah, das sind ja ganz normale, nette Leute, aber am Anfang, muss ich sagen, hatte ich auch eine Menge Vorurteile gegen Menschen, die vielleicht auch mehr Geld haben und so und aus anderen Kreisen kommen. Und ich habe dann gemerkt, die sind ja alle total nett und die sind ja eigentlich auch alle relativ locker und heute habe ich dann nicht mehr so die Hemmschwellen. Aber ich bin natürlich auch ein bisschen älter. Und wenn man jünger ist, ist es noch schwieriger, dass man dann auch mehr Respekt hat. Und mit vielen, denen ich jetzt auch spreche über unsere Veranstaltung und ich sage, hey, wir machen das hier bei einer Anwaltskanzlei. Die sind alle so, uh, ich weiß nicht, ob ich da reingehen kann. Und was muss ich denn da anziehen? Und ich weiß nicht, ob ich da hingehöre. Und die werden doch sofort erkennen, dass ich da nicht hingehöre. Also diese Angst auch, dass einem das auf der Stirn geschrieben steht, dass man sofort sieht, du hast die falschen Klamotten an. Du bewegst dich nicht richtig. Du sprichst nicht richtig. Du gehörst da nicht hin. Und ich glaube, was wichtig ist, ist jetzt diese Hemmschwellen abzubauen und zu sagen, wir haben euch gerne hier, die sind alle sehr begeistert, dass ihr kommt, es ist egal, wie ihr ausseht, es ist egal, was ihr anhabt, die sind alle total nett und da eben auch auf Menschen zuzugehen und ins Gespräch zu kommen und ich glaube, da muss man einfach ein bisschen warm werden und diese Welt überhaupt mal kennenlernen.
Denise Benz 0:24:12
Ja, also das auf jeden Fall. Aber ich würde vielleicht nochmal kurz einen Schritt auch zurückgehen, weil ich, wenn ich daran denke, was mir geholfen hat, ist vielleicht so dieses erstmal so ein bisschen niederschwelliger Anfang. Also wie gesagt, bei mir war es, ich bin dann mal auf die Jurakon, da kann man ganz entspannt durchlaufen, mal hier mit der Kanzlei sprechen und da mal mit einer Kanzlei sprechen. Aber es ist noch nicht so dieses förmliche Umfeld, sag ich mal, eines Bewerbungsgesprächs oder sogar einer Tätigkeit in der Kanzlei. Dann habe ich ab und zu mal bei so Workshops, Eintagesworkshops mitgemacht, in denen man verschiedene Rechtsgebiete kennenlernt und auch die Anwälte und Anwältinnen. Und dann bin ich eben als wissenschaftliche Mitarbeiterin eingestiegen und so habe ich mich jetzt endlich von Aufgabe zu Aufgabe weiterentwickelt auch. Ja, also man muss ja vielleicht nicht gleich ins allerkälteste Wasser springen, aber da einfach erstmal in kleinen Schritten anzufangen, vielleicht auch zu dem Event nächste Woche zu kommen und was ich sagen kann zum Thema Vorurteile, ich habe die auch, die hat ja jeder Mensch und manchmal werden die natürlich auch bestätigt, aber. Ich würde sagen, letztendlich sind das, wie du sagst Katja, hier alles hilfsbereite, freundliche, offene Menschen, die ganz normal sind und auch die Branche ist ja sehr vielfältig. Also es gibt sicherlich auch Juristen und Juristinnen, für die es zum Status dazu gehört, jeden Tag mit Anzug und Krawatte ins Büro zu gehen. Das ist natürlich auch absolut in Ordnung und das ist ja für jeden ganz individuell. Bei uns beispielsweise im Team, wir laufen in Jeans und Sneakers. Wir arbeiten auch in einer internationalen Großkanzlei und ich würde sagen, da tut sich schon auch viel in die Richtung, dass man einfach viel offener ist und es ist halt eben, wie gesagt, sehr vielfältig und ich würde mal behaupten, vielleicht muss man manchmal etwas länger suchen, aber es ist für jeden was dabei, wo es dann am Ende des Tages auch auf der persönlichen Ebene passt, weil das ist natürlich die Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit, dass man sich wohl fühlt, dass man sich persönlich versteht und mag und offen füreinander ist und kollegial miteinander umgeht. Und da hat sich auf jeden Fall viel in der Juristenwelt auch getan, was das angeht.
Katja Urbatsch 0:27:58
Gerne.

Gäste

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Katja Urbatsch

Katja Urbatsch Geschäftsführerin, Arbeiterkind.de

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Denise Benz

Denise Benz Partner, A&O Shearman

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