"Der große Vorteil beim Einstieg als Associate war, dass ich die Kanzlei schon aus dem Referendariat kannte - und daher recht genau wusste, was mich erwartet."

Strafrecht | Pro-Bono-Beratung | White Collar Crime | Wirtschaftsstrafrecht

Folge 178 deines Jura-Podcasts zu Job, Karriere und Examensthemen.

Herzlich willkommen zu IMR178 mit Alexander Suttor aus Frankfurt. Alexander arbeitet heute als Associate im Frankfurter Büro von Clifford Chance im Wirtschaftsstrafrecht, hat jedoch in Süddeutschland studiert. Ferner führte ihn sein Studium im Rahmen eines Erasmus-Aufenthalts nach Italien. Warum hat er sich für das Referendariat in einer Großkanzlei sowie den anschließenden Berufseinstieg bei Clifford entschieden? Wie war die Wahlstation in Washington? Was gefällt ihm am Wirtschaftsstrafrecht? Wie kam es, dass er die Zeit bis zum Verbesserungsversuch im zweiten Examen mit der Begleitung des Koblenzer Terrorismusverfahrens überbrücken durfte? Antworten auf diese Fragen und viele weitere Einblicke liefert Alexander in einer kurzweiligen Podcastfolge. Viel Spaß!

Inhalt:

  • 00:00 Sponsor: Clifford Chance
  • 00:09 Einleitung / Vorstellung Alexander Suttor
  • 01:38 Erasmus in Italien / Staatsexamen
  • 06:38 Warum Großkanzlei?
  • 09:21 Referendariat bei Clifford Chance
  • 12:38 Vorteile beim Direkteinstieg in die Kanzlei einer Ref-Station
  • 15:57 Tätigkeit im Wirtschaftsstrafrecht / Durchsuchungen
  • 21:59 Das Pro-bono-Mandat / Verbesserungsversuch unter Covid

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Transkript


Alexander Suttor 0:00:40
Ja.
Alexander Suttor 0:01:54
Also der Input ist, ja sollte man auf jeden Fall machen. Bei mir war die Überlegung so ein bisschen zweigeteilt. Ich weiß nicht, ob du Freiburg kennst. Eine superschöne Stadt, super für Studenten. Nur die Sache ist halt so, wenn man da sechs Jahre dauerhaft ist, dann hat man auch wirklich alles gesehen. Man kennt da jeden Baum und jeden Stein. Und nach vier Semestern, zwei Jahren war halt genau diese Überlegung, okay, machst du jetzt nochmal Erasmus? Ich war ja gerade zwei Jahre in Freiburg, aber dann dachte ich mir, na gut, wenn du das nicht machst, dann bist du halt hier jetzt sechs Jahre und kommst halt nicht mehr raus. Und hinzu kam, dass ich glaube ein Drittel von meinem Jahrgang in Rasmus gemacht hat. Das heißt, das war auch die Perspektive, dass irgendwie alle meine Freunde sich in aller Welt zerstreuen und ich dann hier bleibe. Und ich war so ein bisschen unbedarft, weil ich hatte mich beworben für, also in dieser Prioritätsreihenfolge auch, für Edinburgh, Glasgow, Stockholm und Linköping. Linköping ist auch in Schweden. Das muss natürlich funktionieren, weil Stockholm auf Priorität 3 ist logisch, dass man das dann bekommt. Es kam, wie es kommen musste. Ich habe nichts davon gekriegt. Ich stand so ein bisschen deprimiert im Auslandsbüro bei uns in Freiburg und fragte die Frau Schneiders, die Auslandskoordinatorin. Ja, was haben sie denn noch? Nomen dia Padua, Italien habe ich noch. Das war natürlich kein Malzahirnisch. Da hab ich gesagt, ja gut, dann nehm ich das. Das ist halt so eine Entscheidung, die man noch wirklich nur trifft, wenn man 22 ist. Und dann hab ich da noch irgendwie so alibi-mäßig einen halben A1 kurz in Freiburg gemacht und bin dann geflogen. Ich weiß noch, wie ich da am Flughafen in Italien ausgestiegen bin und dachte, Mist, also das Italienisch muss jetzt reichen, weil der Typ, der die Bustickets nach Padova verkauft, der spricht kein Englisch. Und wenn ich dem jetzt nicht begreiflich machen kann, wo ich hin muss, dann ist das schnell vorbei hier mit dem Auslandsaufenthalt.
Alexander Suttor 0:04:56
Verschiedene Sachen. Also A, man ist natürlich relativ jung und so und ist halt zum ersten Mal wirklich darauf angewiesen, dass man sich selbst organisiert, dass man sich da selbst zurecht findet, weil klar, man hat häufig noch irgendwie jemand anderen von seiner Uni und lernt man andere Erasmus-Studenten kennen, aber es ist nicht so wie in Freiburg, wo du halt irgendwie eine Fachschaft hast und im Seminar 15 Leute kennst, die dir sagen, ja, das Buch musst du dafür lesen und hier, der prüft immer das und das. Also man wächst daran auch sehr und das klingt jetzt irgendwie kitschig, aber halt auch so ein bisschen diese interkulturelle Kompetenz, also ich merke dann, ich bin irgendwie zurückgekommen. Und hat dann den großen Italien-Verteidiger, weil es ja häufig dieses Klischee gibt, da funktioniert nix und alles Krise und Mafia und so weiter und so fort. Und ich dachte, nein, das ist Quatsch und hier und was die viel besser machen als wir etc. etc. Die sind auch viel besser angezogen. Und das war jetzt keine direkte Beobachtung. Ich bin jetzt nicht irgendwie aus dem Flugzeug wieder in Deutschland gestiegen und hab gesagt, oh, jetzt bin ich aber kulturell bereichert und weiterentwickelt. Sondern das hab ich so im Nachhinein gemerkt, im Gespräch mit anderen, dass sich meine Perspektive da so ein bisschen geändert hat. Und das sich auch sehr gedeckt hat, das haben wir gesehen mit den anderen Leuten, die Erasmus gemacht haben. Also dann kam einer da irgendwie an, so politisch inswischen in Portugal, wo ich auch dachte, hä? Aber ja, der war da ein Jahr und hat das mitgemacht und insofern ist das hängen geblieben bei ihm.
Alexander Suttor 0:07:26
Genau im Referendariat. Und als ich wieder nach Frankfurt kam, war es für mich halt so, dass ich... Ich hatte noch Verbesserungsversuche in Freiburg geschrieben und habe mir da währenddessen einen Nebenjob gesucht, während ich mich auf den Verbesserungsversuche vorbereitet habe. Habe ich zwei Tage in Frankfurt immer gearbeitet, konnte ja bei meinen Eltern schlafen und bin dann nach Freiburg zurückgefahren. Und es war tatsächlich so, dass ich einmal so einen Kettenbrief an so ziemlich alle Großkanzleien in Frankfurt geschrieben habe, wo ich mir ja gesagt habe, hier, ich bin völlig offen, was den Bereich angeht, ich brauche einen Job, ganz genau. Und das war dann auch sehr lustig, weil ich wurde dann zurückgerufen in der einen, wo ich mich beworben hatte, wo die Kollegin aus der Recruiting-Abteilung dann anrief und meinte, ja, und Werbung gekriegt und man hätte gesehen, Strafprozessrecht und Wirtschaftsstrafrecht, da würde ich ja super in den Bereich White-Collar passen. Ich hatte keine Ahnung, was White Collar bedeutet und durfte mir natürlich nichts anmerken lassen und habe dann so ein bisschen Zeit geschunden und gesagt, ja, ja, also das White Collar wird super passen, auch wegen Strafprozessrecht und Wirtschaftsstrafrecht. Und habe dann am Handy gegoogelt und gesehen, ah ok, ja, ja, das ist Wirtschaftsstrafrecht, das ist super, das ist nur fancy Term dafür. Ja und dann habe ich den Job halt gekriegt und dachte natürlich erstmal so, ja das ist, ich schleiche mich hier bei The Man ein und dann lasse ich mich schön von denen bezahlen und dann haue ich immer wieder ab. Aber nach so ein, zwei Monaten musste ich mir eingestehen, Moment, das macht mir irgendwie ziemlich Spaß, das ist ganz gut und so bin ich irgendwie dabei geblieben und darüber dann auch zu Clifford gekommen als wissenschaftlicher Mitarbeiter und da war das ähnlich.
Alexander Suttor 0:13:23
Und dann kam ich in das Wismith-Büro rein und da saßen so vier, fünf Wismiths, die auch gerade ein bisschen mit mir geredet haben und mich freundlich begrüßt. Und die komplette Wand war zugekleistert mit irgendwelchen Bildern von aktuellen und ehemaligen Wismiths, Referendaren, die halt auf irgendwelchen Festen waren und Veranstaltungen oder einfach privat was gemacht haben. Also irgendwie Burger gebraten haben oder ein Bierchen getrunken haben. Das ist mir so in Erinnerung geblieben, das fand ich irgendwie sympathisch, wo ich dachte, ah, hier könnte es dir gefallen. Und bei mir war es ja so, bei meinem Einstieg als Associate war ich zu dem Zeitpunkt, ich glaube drei Jahre schon, halt in verschiedenen Rollen in der Kanzlei und da wachsen natürlich Freundschaften, da wachsen Beziehungen und so weiter und so fort und für mich war das irgendwie gar nicht so die Frage, das war halt Bauchgefühl, das war jetzt nicht irgendwie, oh ich hab jetzt alles gegeneinander abgewogen und am Ende hat irgendwie knapp Clifford gewonnen gegen XYZ, sondern war es so, ja, ich will halt weiter mit Katrin und Henrik hier und so arbeiten. Also das waren halt so, keine Ahnung, die Leute, die ich seit Ewigkeiten kannte, die haben natürlich auch eingespielt und so und mir ist der Gedanke gar nicht gekommen, also das war so eine Bauchentscheidung. Ich weiß nicht, ob die übertragbar, also es gibt natürlich wahrscheinlich Leute, die da anders rangehen, die dann sich da irgendwelche Pro-Contra-Listen machen und so, also zum Beispiel meine ehemalige Mitbewohnerin, die hat fein säuberliche Listen für solche Entscheidungen gemacht, für den Links- und Rechtsverstand. Aber für mich war das so, ja ich mag es irgendwie hier und ich fühle mich hier wohl und viel tiefer habe ich das nie analysiert.
Alexander Suttor 0:16:07
Schwer zu sagen, weil so den typischen Tag gibt's nicht. Wir decken den gesamten Bereich Wirtschaftsstrafrecht ab, wo sich natürlich immer gewisse Schwerpunkte herausbilden. In den letzten Jahren ist da sehr viel Cum-Ex, das ist ja auch durch die Presse gegangen. Das sind umfangreiche Erfahrungen, die da geführt werden. Da ist auch deutliches politisches Interesse da. Also das ist ein Schwerpunkt, an dem ich viel mache, aber nicht der einzige. Und wenn ich ins Büro komme morgens, ich weiß immer nicht so ganz, was mich erwartet, weil es gibt halt Tage, da sitze ich an meinem Schriftsatzentwurf und überlege, Absatz 3, wie kann ich das noch ein bisschen schöner sagen oder wie mache ich hier noch ein elegantes Carve-Out und so. Es gibt Tage, da komme ich ins Büro, setze sich an meinen Schriftzeitsentwurf und auf einmal klicke ich mein Telefon, Staatsanwaltschaft durchsucht irgendwo. Und dann ist es so ein bisschen wie bei der Feuerwehr, wo die Alarmglocke angeht und alle diese Stäbe da runterrutschen, die wir noch nicht installiert haben, aber für die Zukunft vielleicht auch in Erwägung ziehen würden. Und dann rennt halt alles los zum Mandanten und in der Regel kommt man da an, legt seine Visitenkarte hin und der Laden ist erstmal ein heller Aufruhr, Weil die Staatsanwaltschaft ist in der Situation oder die Steuerfahndung eingerückt, da sind irgendwie 50, 60 Leute, die Aktenschränke durchgehen, das ist eine ungewohnte Erfahrung natürlich und die Mitarbeiter sind aufgeregt. Mit einer Ausnahme, die ich immer beobachten konnte, so Börsentrader, die macht das gar nichts aus, die sind komplett tief in Entspannung, egal was um sie herum vorgeht. Aber alle anderen Mitarbeiter, die sind da sehr natürlich eingespannt und so und das ist ganz interessant, ich finde diese Durchsuchung immer sehr spannend, weil es natürlich verschiedene Ebenen gibt. Also es gibt natürlich die rechtliche Ebene. Wir gucken Verteidigungskorrespondenten, das ist ja Beschlagnahmefrei. So, dann gucken wir den Ermittler mal über die Schulter und dann sehen wir irgendwie, oh, das ist jetzt ein Schriftsatz, wo oben fett Verteidigungskorrespondent steht. Dann sagen wir hier halt Stopp, das lieber mal nicht. In der Regel ist es dann so, dann ist es so, ja müssen wir gucken, dann rufen die die Staatsanwältin oder den Staatsanwalt an, dann guckt man da zusammen drauf und dann wird das halt entschieden. Das ist die rechtliche Komponente. Was man auch nicht unterschätzen darf, ist diese psychologische Komponente, weil, ich versuche es immer so deutlich zu machen, die Staatsanwaltschaft hat ja einen Durchsuchungsbeschluss. Also die dürfen ja da sein und sich alles angucken, das heißt wirklich Sachen in Anführungsstrichen ändern oder verhindern, das sind unsere Möglichkeiten ja sowieso beschränkt, sodass sehr viel ist, dass man irgendwie alle Seiten sagt, hier, wir lenken das jetzt mal in eine geordnete Bahn, wir kommen jetzt mal ein bisschen runter, die dürfen das, die dürfen das nicht und so weiter und kein Grund zur Aufregung und hier, wo ist denn, keine Ahnung, Archiv X, Y, Z, können Sie uns das mal zeigen, wir gehen da mit und allein dadurch kann und muss man da sehr viel einwirken und ich erinnere mich an eine Szene, wo wir in einer Rechtsabteilung standen und Mitarbeiter sitzen total irritiert an ihren Tischen, Irgendwie die Beamten, Knien da und stehen an den Schränken und räumen die aus und so weiter und irgendwo in der Mitte stehen wir und dann hatte einer, du weißt nicht, ob du das kennst, so einen kleinen Senngarten. So ein Ding mit so einem kleinen Rechen mit Sand und so einem Steinchen und so und um die so ein bisschen zu beruhigen, machen wir dann auch Smalltalk und meinen so, oh was ist das denn hier? Und dann meinte der Mitarbeiter so, ja das ist so ein Senngarten, also das ist, den stellt man sich quasi irgendwo hin und der vermittelt einem dann Ruhe und Entspannung. Mein Kollege und ich blickten so um uns herum und meinten so, ja funktioniert ja super. Und genau das ist das so, dann lacht der Mitarbeiter, wir lachen so ein bisschen und so ein, zwei Ermittler grinsen sich auch ein und sofort ist diese Lage so ein bisschen entspannter und man merkt ja so, okay da ist jemand, man muss das jetzt auch nicht zu wild sehen und so und das ist natürlich immer sehr spannend.
Alexander Suttor 0:19:36
Ja.
Marc Ohrendorf 0:19:58
Ja.
Alexander Suttor 0:20:00
Als Staatsanwalt auch. Und genau darum ist halt auch so ein bisschen die Sache, dass wir da frühzeitig darauf hinwirken. Und vor allem, es sind ja auch manchmal nicht ganz einfache Fälle. Also zum Beispiel, klar, jetzt ein Schriftzess, das von uns zum Beispiel kommt, irgendein Memo, wo oben links steht, Clifford Charns, Verteidigungskorrespondenz, Privilege und Confidential. Und es ist unterschrieben von zwei Leuten, die offensichtlich in der Wirtschafts- und Strafrechtsabteilung halten. Das ist eine klare Sache. Aber was ist jetzt irgendwie, jemand macht sich bei einem Mandanten Notizen in einer Telefonkonferenz und die sind ja nicht unbedingt strukturiert, nur hat jemand sein Notizbuch offen und schreibt sich da so ein Gespräch mit und dann wird dieses Notizbuch beschlagnahmt oder soll beschlagnahmt werden. Das ist natürlich schwierig, weil einerseits ist es häufig nicht direkt zu identifizieren, also die wenigsten Leute schreiben sich ja irgendwie in Erwartung einer Durchsuchung private Notizen Verteidigungskorrespondenz rein und zweitens, also ich führe ja auch ein Notizbuch, na gut, ich bin das schlechte Beispiel, ich schreibe selten irgendwas, was nicht Verteidigungskorrespondenz ist, aber angenommen, ich bin irgendwie in der Rechtsabteilung von einem Unternehmen und mache ja auch noch andere Sachen, so dann sind vielleicht irgendwie die ersten 30 Seiten, von dem Notizbuch völlig fein, dann habe ich irgendwie drei Seiten Notizen über ein Gespräch mit uns, das ist Verteidigungskorrespondenz und die nächsten 50 sind wieder fein und da muss man natürlich dann sehr diffizil argumentieren und in der Regel kann man das natürlich so in der Situation nicht klären.
Alexander Suttor 0:22:14
Also ich fange am besten am Anfang an, weil im Werdegang hatten wir schon darüber geschrieben, dass ich den Erstversuch von meinem zweiten Examen schön an die Wand gefahren hatte. Also Bestanden hatte ich, aber besonders glorreich war es nicht. Und für mich klar war, hier, ich werde mal Verbesserungsversuch schreiben und während ich mich auf den vorbereite, muss ich von irgendwas leben. Also mache ich noch mal Wismet mit meinem zweiten Examen, den Deluxe Wismet. Und ich dachte, das wird eigentlich eine kurze Variante, weil ich mache das irgendwie noch vier Monate, dann schreibe ich nochmal und dann ist es auch gut. Dann kam Covid. Und dann war ich in der Situation, dass das Justizministerium gesagt hat, okay bei, Wir haben nur sehr begrenzte Kapazitäten an Leuten, die Examen schreiben können, weil Abstandsvorschriften eingehalten werden müssen, weil Betreuer eventuell nicht verfügbar sind, weil die irgendwie Risikogruppe sind und haben dann gesagt, okay, wir priorisieren die, die noch gar kein Examen geschrieben haben, die gewissermaßen regulär schreiben und ihr liebe Verbesserungsversuchsschreiber, ihr habt ja schon bestanden, geduldet euch. Und dann kam irgendwie ein Brief bei mir, wo drin stand, ja, also das war ziemlich am Anfang Kapazitätsprobleme, aufgrund der Corona-Lage können Sie zurücktreten und dann werden Sie zum nächst organisatorisch möglichen Zeitpunkt nachschreiben. Naiv wie ich war, dachte ich, naja gut, der nächst organisatorische Zeitpunkt wird der nächste Drill-Death-Termin sein, weil der ist ja organisatorisch möglich. Und dann kam ein Brief vor dem Rinnenstand, bereiten Sie sich mal auf November vor. Das war, keine Ahnung, April, März. Ich dachte, oh. Und dann war klar, ich strecke die ganzen Pläne mal und ich brauche halt auch noch eine längere Wiss-Mit mit zweitem Examen-Tätigkeit. Und dann war es so, das war mitten im Lockdown und mein Chef kam zu mir und meinte, hier Alex, wir haben eine Anfrage von Human Rights Watch. Es geht um eine Prozessbeobachtung von einem Mandat in Koblenz. Ich stelle es dir völlig frei, weil es wäre natürlich mit Reistätigkeit nach Koblenz und so weiter und so fort verbunden, wenn dir das zu risikoreich ist, dann sagen wir den ab, ist gar kein Problem, also entscheide völlig frei. Und ich habe mir dann einen Tag Bedenkzeit ausbedungen und habe dann zugesagt mit einer Bedingung, ich habe gesagt, ich mache das, bin verrückt geworden in meiner WG und Kickdown auf der leeren Autobahn Richtung Koblenz zu machen.
Alexander Suttor 0:26:06
Ja genau, also sie dachten halt wahrscheinlich am Anfang, das ist ein Spinner und waren irritiert, haben dann aber so ein bisschen nachgehakt und haben gefragt, warum sollte der syrische Geheimdienst sie verfolgen? Ja, ich war selber im syrischen Geheimdienst, bin desertiert und bla bla bla und seit er halt Vernehmungsleiter in dieser Abteilung gewesen hat, also das ist auch grotesk, hat seine Aussage bei der deutschen Polizei auch mit seinem syrischen militärischen Rang, also von einem Militär, aus dem er ja desertiert war, unterschrieben. Also er stand dann unter der Aussage Colonel Anwar Erb und dann hat man ihm das dann doch irgendwie so zumindest halbwegs abgenommen und hat das ans Bundeskriminalamt auch weitergeleitet, die dann meinten, ja ja, den haben wir auf dem Schirm, für den interessieren wir uns, weil, und das ist eine bizarre Situation 2, der Hauptangeklagte war dann natürlich in Deutschland in so einer Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht mit vielen anderen syrischen Flüchtlingen aus dieser Zeit und lief dann auf der Straße vor... Der Einrichtung einem anderen Syrer über den Weg, der ich dachte, Moment, das ist doch der Typ aus dem Gefängnis, in dem ich eingesperrt war. Also die sich dann in Berlin getroffen haben und so kam das dann, also es ist ein riesiger Ermittlungsaufwand, der da betrieben wurde, kam das dann zusammen und die beiden wurden wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt. Dieser Prozess wurde dann von Human Rights Watch beobachtet oder begleitet und die brauchten natürlich Sachverstand in Deutschland Und weil da mit London und Amsterdam glaube ich, also unseren Büros dort, eine bestehende Kooperation existierte, hat man sich an uns gewandt und so landet das Ganze bei mir dann.
Alexander Suttor 0:27:49
Das geht nach dem Weltrechtsprinzip. Also, der deutsche Gesetzgeber hat das Völkerstrafgesetzbuch eingeführt und entschieden, gewisse Kategorien von schwersten Verbrechen, also Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die sind in Deutschland strafbar, egal ob der Täter deutscher ist oder nicht, ob ein Deutscher zu den Opfern gehört oder nicht oder ob es in Deutschland stattfindet oder nicht. Und unter Anwendung dieses Völkerstrafgesetzbuches kam dieser Prozess zustande. Also das darf man auch nicht verwechseln mit den Prozessen vor dem Internationalen Strafgesichtshof, die ja ihre eigenen Statuten haben. Das ist einfach ein ganz normaler Prozess nach deutschem Strafrecht, nach deutscher Strafprozessordnung, der in Deutschland verhandelt wird. Und das war auch einer der ersten Prozesse dieser Größenordnung, die überhaupt zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen überhaupt da in Deutschland verhandelt wurden und hatte auch so ein bisschen Signalwirkung. Insbesondere, weil die Vorgängerprozesse teilweise organisatorisch sehr schwierig waren und unkoordiniert abgelaufen sind. Während Koblenz, ich glaube das kann man sagen, in der Rückschau, wenn man alles zusammennimmt, relativ solide, gradlinig geführt und gut abgelaufen ist, gut von der Bühne gegangen ist. Und darum auch so ein bisschen so, ich will nicht sagen Standard gesetzt, aber Vorbildfunktion hat, wie, okay, wie machen wir das bei zukünftigen Prozessen?
Marc Ohrendorf 0:29:09
Wow.
Alexander Suttor 0:29:10
Ja, je nach Zählweise. Also es gibt ja verschiedene Organisationen, die das begleiten und wir hatten ja manche Tage, wo irgendwas organisatorisch schief gegangen ist und das Gericht quasi rausgekommen ist und gesagt hat, Richter so und so ist dann Covid-erkrankt, Prozestag, heute wird abgesagt und wieder reingegangen ist. Je nachdem, ob man das jetzt als einen Verhandlungstag zählt oder nicht, weicht das so ein bisschen ab. Und diese 110 Tage haben wir komplett abgedeckt. Also es war, glaube ich, bis auf einmal wegen Platzbeschränkungen immer jemand von uns im Gerichtssaal, also nicht immer ich. Also ich glaube, ich habe die größten Teil gemacht, weil ich ja aufgrund dieser Wismuthätigkeit dann ab einem gewissen Zeitpunkt nur das gemacht habe. Aber das war also ein riesiger Team-Effort von Wismiths, die da auch wirklich über sich hinausgewachsen sind. Ich hab ja dann, nachdem ich als Anwalt angefangen habe, lief der Prozess weiter und das war ganz interessant, weil ich ja quasi dann in so eine Supervisor-Rolle bis hierhin gekommen bin und quasi die Leute beaufsichtigt habe bei dem, was ich früher gemacht habe. Ich war total beeindruckt, wir kriegen ja diese Mitschriften, die ja häufig von Wismiths auch kommen, die dann nicht so den kompletten Kontext haben, weil sie nur ein oder zwei Tage abgedeckt haben. Und wir ergänzen ihn so ein bisschen mit Fußnoten und so weiter. Und einmal bekam ich da ein Protokoll zurück, das schon voller Fußnoten war, mit detailreichen Anmerkungen zu... Also zum Beispiel, da gab es Zeugenaussagen, wo gesagt wurde, ja, das sei nach dem Freitagsgebet, hätte die Demonstration stattgefunden. Und es war der arabische Begriff des Freitagsgebetes beschrieben. Und da war schon eine Fußnote drin, wo dann detailliert beschrieben war, also das Freitagsgebet findet um die und die Uhrzeit statt. Ist so ein bisschen so ein Community-Treffpunkt. Und häufig ist es so, dass sich da Veranstaltungen anschließen und so weiter. Ich war so ein bisschen irritiert und habe meine Kollegin Caroline Kittelmann hier aus dem Litigation-Team angerufen und sie gesagt, Sag mal Caroline, hast du das schon bearbeitet so? Und nee, nee, das hat sich herausgestellt. Wir hatten eine wissenschaftliche Mitarbeiterin, die Familie in Israel hatte und da häufig war und halt mit den Traditionen und den Gebräuchen da sehr vertraut war und das da schon quasi verschnürt und fertig hatte. Und solche Situationen gab es halt bei ganz vielen verschiedenen Sachen immer, immer häufiger, dass sich die eingebracht haben oder Beobachtungen gemacht haben. Und es hat sehr, sehr Spaß gemacht auch das zu bearbeiten.

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Alexander Suttor

Alexander Suttor Rechtsanwalt, Clifford Chance

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