Inhaltsüberblick
- Was erwartet dich im Hauptstudium Jura?
- Die Vertiefungsfächer im Überblick
- Die Übung für Fortgeschrittene (Große Übung)
- Hausarbeit und Klausur: Der doppelte Leistungsnachweis
- Welche Scheine brauchst du für die Examensanmeldung?
- Antworten auf 3 Fragen aus der Praxis
- Konkrete Tipps unserer Experten aus dem Podcast
Der Wendepunkt im Jurastudium: Das Hauptstudium
Herzlichen Glückwunsch! Wenn du dich für das Hauptstudium Jura interessierst, hast du die ersten Hürden des Grundstudiums und die Zwischenprüfung wahrscheinlich schon hinter dir oder planst bereits den nächsten großen Schritt. Das Hauptstudium, das in der Regel das 4. bis 6. Semester umfasst, markiert eine entscheidende Phase in deiner juristischen Ausbildung. Es ist die Zeit, in der aus dem bloßen Erlernen von Definitionen echtes juristisches Arbeiten wird.
Das Jurastudium in Deutschland ist ein Marathon. Bei rund 100.000 eingeschriebenen Studierenden an 44 Fakultäten liegt die tatsächliche Durchschnittsdauer bis zum Ersten Staatsexamen bei 10,9 Semestern. Das Hauptstudium ist dabei die Brücke zwischen den Grundlagen und der intensiven Examensvorbereitung. Hier entscheidest du oft schon, in welche Richtung deine Karriere später gehen soll – sei es durch die Wahl deines Schwerpunktbereichs oder durch die Vertiefung in den großen Übungen.
Was erwartet dich im Hauptstudium Jura?
Im Hauptstudium geht es ans Eingemachte. Während du im Grundstudium die Basisstrukturen von BGB, Strafrecht und Staatsrecht gelernt hast, tauchst du nun tief in die Materie ein. Die Vorlesungen werden spezifischer und die Anforderungen an deine Gutachtentechnik steigen massiv an. Du verlässt die Welt der Standardprobleme und lernst, wie man komplexe, unbekannte Rechtsfragen methodisch sauber löst.
Die Vertiefungsfächer im Überblick
Im Hauptstudium begegnen dir Fächer, die im Examen eine zentrale Rolle spielen. Dazu gehören unter anderem:
- Sachenrecht (Vertiefung): Mobiliarsachenrecht und Immobiliarsachenrecht – oft der Endgegner im Zivilrecht.
- Handels- & Gesellschaftsrecht: Die Basis für jede wirtschaftsrechtliche Tätigkeit.
- Verwaltungsrecht BT: Baurecht, Kommunalrecht sowie Polizei- und Ordnungsrecht.
- Zivilprozessrecht (ZPO) & Strafprozessrecht (StPO): Ohne das formelle Recht bringt dir das beste materielle Wissen im Examen nichts.
- Familien- und Erbrecht: Pflichtstoff, der oft unterschätzt wird, aber in der Klausurpraxis häufig vorkommt.
Die Übung für Fortgeschrittene (Große Übung)
Das Herzstück des Hauptstudiums ist die Übung für Fortgeschrittene, im Studierendenjargon oft einfach nur „große Übung“ genannt. Du musst jeweils eine große Übung im Zivilrecht, im Öffentlichen Recht und im Strafrecht erfolgreich absolvieren. Diese sind die formale Voraussetzung für die Zulassung zum Ersten Staatsexamen.
Hausarbeit und Klausur: Der doppelte Leistungsnachweis
Eine große Übung Jura besteht in der Regel aus zwei Teilen:
- Die Hausarbeit: In der vorlesungsfreien Zeit schreibst du eine wissenschaftliche Arbeit (meist 20–30 Seiten). Hier geht es darum, ein komplexes Problem über mehrere Wochen hinweg tiefgreifend zu durchleuchten.
- Die Klausur: Während des Semesters schreibst du eine 3- bis 5-stündige Aufsichtsarbeit. Hier wird unter Zeitdruck das Wissen abgeprüft, das du dir in der Vertiefung angeeignet hast.
Statistiken und Durchfallquoten: Sei unbesorgt, wenn es mal nicht klappt – du bist nicht allein. Die Durchfallquoten bei Hausarbeiten liegen oft zwischen 25 % und 35 %, bei den Klausuren sogar bei 30 % bis 40 %. Das Niveau ist bewusst hoch angesetzt, um dich auf das Staatsexamen vorzubereiten. In der Regel hast du mindestens einen Wiederholungsversuch, oft sogar mehr, je nach deiner lokalen Studienordnung.
Welche Scheine brauchst du für die Examensanmeldung?
Neben den drei großen Übungen (Zivilrecht, Öffentliches Recht, Strafrecht) verlangen die meisten Landesjustizprüfungsämter weitere Nachweise, die du im Hauptstudium sammelst:
- Fremdsprachenschein: Nachweis über die Terminologie in einer Fremdsprache (meist Englisch oder Französisch).
- Schlüsselqualifikationen: Kurse in Mediation, Verhandlungsführung oder Rhetorik.
- Praktika (Famulatur): In der Regel musst du insgesamt drei Monate praktische Studienzeit ableisten (z.B. bei einem Anwalt, bei Gericht oder in einer Behörde).
- Schwerpunktbereichsschein: Die Bestätigung über die erfolgreiche Teilnahme am universitären Teil der Prüfung.
Zeitplanung im Hauptstudium: Wie viele Stunden pro Woche?
Viele Studierende fragen sich: „Wie viel muss ich eigentlich wirklich tun?“ Im Hauptstudium Jura solltest du von einer 40-Stunden-Woche ausgehen, wenn du die Regelstudienzeit einhalten willst. Das umfasst Vorlesungen, AGs und vor allem die Vor- und Nachbereitung in der Bibliothek. Prof. Dr. Dr. h.c. Barbara Dauner-Lieb betont in unserem Podcast (IMR155), dass das Studium ein Motor braucht: „Interesse und Freude. Geld allein trägt nicht.“ Nutze diese Phase, um herauszufinden, welches Rechtsgebiet dich wirklich begeistert.
Der Schwerpunktbereich: Deine Chance auf die Traumnote
Parallel zum Hauptstudium wählst du deinen Schwerpunktbereich. Dieser macht 30 % deiner Gesamtnote aus! Es ist die einzige Phase im Studium, in der du dich wirklich spezialisieren kannst. Ob Unternehmensrecht, Kriminologie oder IT-Recht – wähle nach Interesse, nicht nur nach vermeintlichen Karrierechancen. Wer für ein Thema brennt, schreibt bessere Noten. Wie Karsten Dusse in Folge IMR100 treffend sagt: „Jura sollte eine von vielen Facetten sein, nicht die einzige.“ Ein spannender Schwerpunkt hilft dir, den Fokus nicht zu verlieren.
Tipps: So bestehst du die große Übung beim ersten Versuch
Damit du die Jura Hausarbeit und die Klausuren im Hauptstudium meisterst, hier drei Profi-Tipps:
- Bilde Lerngruppen: Der Austausch über Argumentationslinien ist in den großen Übungen unersetzlich. Diskutiert Fälle, bis ihr die Systematik verstanden habt.
- Gutachtenstil perfektionieren: Auch im Hauptstudium scheitern viele nicht am Wissen, sondern an der Darstellung. Übe das saubere Subsumieren unter Zeitdruck.
- Frühzeitig planen: Fang nicht erst zwei Wochen vor Abgabe mit der Hausarbeit an. Literaturrecherche und Gliederung fressen mehr Zeit, als man denkt.
Fragen & Antworten
3 Antworten aus Podcast-Episoden
Solltest du alle Wiederholungsversuche einer Übung für Fortgeschrittene an deiner Universität verbrauchen, verlierst du in der Regel den Prüfungsanspruch für das Fach Rechtswissenschaft an dieser Hochschule. Es gibt jedoch oft die Möglichkeit, an eine andere Universität in einem anderen Bundesland zu wechseln, sofern deren Studienordnung dies zulässt. Es ist jedoch ratsam, es gar nicht so weit kommen zu lassen und bei einem Fehlversuch frühzeitig eine professionelle Studienberatung oder spezielle Repetitorien in Anspruch zu nehmen.
Das sagen unsere Experten
Das Hauptstudium ist die Phase der Professionalisierung. Wer hier lernt, juristische Probleme nicht nur auswendig zu lernen, sondern methodisch herzuleiten, legt den Grundstein für ein Prädikatsexamen. Es ist wichtig, den Schwerpunktbereich als Chance zur Notenverbesserung und persönlichen Profilbildung zu begreifen, anstatt ihn nur als Pflichtaufgabe abzuarbeiten.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
