Inhaltsüberblick
Die Anwaltsstation ist mit 9 Monaten (in NRW sogar 10 Monate) die längste Pflichtstation im Referendariat — und die mit den meisten Gestaltungsmöglichkeiten. Du wählst deine Kanzlei frei, kannst die Station auf zwei Kanzleien aufteilen und legst damit oft den Grundstein für deinen Berufseinstieg. Großkanzleien zahlen bis zu 7.500 Euro pro Monat an Nebentätigkeitsvergütung, während kleinere Kanzleien dafür mehr Eigenverantwortung und Mandantenkontakt bieten. Wie du die richtige Kanzlei findest, wann du dich bewerben solltest und wie du die Anwaltsstation strategisch nutzt — das erfährst du hier.
Die Anwaltsstation: Pflichtstation mit den meisten Möglichkeiten
Die Anwaltsstation ist die vierte Station im Referendariat und beginnt nach der Verwaltungsstation. Sie ist eine Pflichtstation — jeder Referendar muss sie bei einem zugelassenen Rechtsanwalt absolvieren. Im Gegensatz zu Zivil- und Strafstation wirst du hier aber nicht zugeteilt, sondern suchst dir deine Kanzlei selbst aus. Das gibt dir die Freiheit, die Station genau auf deine Karriereziele auszurichten.
Dauer und Zeitpunkt
Die Anwaltsstation dauert in den meisten Bundesländern 9 Monate. In NRW sind es 10 Monate. Innerhalb dieser Zeit liegt auch die sogenannte Tauchphase — ein Zeitraum (typischerweise 2-3 Monate), in dem du dich auf die Examensvorbereitung konzentrierst und weniger oder gar nicht in der Kanzlei bist. Viele Großkanzleien zahlen die Vergütung auch während der Tauchphase weiter (sogenannte Gehaltsstreckung).
Manche Referendare teilen die Anwaltsstation auf zwei Kanzleien auf — z.B. 5 Monate Großkanzlei und 4 Monate Boutique-Kanzlei. Das ist in den meisten Bundesländern möglich, muss aber beim OLG genehmigt werden.
Kanzleiauswahl: Welcher Typ passt zu dir?
Großkanzlei
Großkanzleien bieten die höchste Vergütung (bis zu 1.000 Euro pro Wochenarbeitstag im Monat, also bis zu 7.500 Euro bei 5 Tagen/Woche) und strukturierte Referendarprogramme. Ca. 170 Arbeitgeber sind in der azur-Liste mit detaillierten Vergütungsdaten aufgeführt.
- Vorteile: Hohe Vergütung, strukturiertes Programm, breites Mandatsportfolio, Übernahmechancen, Auslandsbüro-Option
- Nachteile: Weniger individuelle Betreuung, hohe Arbeitsbelastung, hohe Notenanforderungen (mindestens VB, besser 11+ Punkte)
Boutique-Kanzlei
Spezialisierte Kanzleien mit wenigen Anwälten, die sich auf ein bestimmtes Rechtsgebiet fokussieren (z.B. IT-Recht, Arbeitsrecht, Kartellrecht).
- Vorteile: Enge Zusammenarbeit mit erfahrenen Spezialisten, tiefe Einblicke in ein Fachgebiet, schnelle Verantwortungsübernahme
- Nachteile: Geringere Vergütung, weniger strukturiertes Programm
Mittelständische Kanzlei
Kanzleien mit 10-50 Anwälten bieten einen guten Mittelweg: mehr Eigenverantwortung als in der Großkanzlei, aber trotzdem ein breites Spektrum an Mandaten.
- Vorteile: Mehr Eigenverantwortung, direkter Mandantenkontakt, bessere Work-Life-Balance
- Nachteile: Geringere Vergütung als Großkanzlei
Einzelanwalt
Bei einem Einzelanwalt bekommst du maximale Eigenverantwortung und ein breites Aufgabenspektrum. Allerdings ist die Ausbildung weniger strukturiert, und die Vergütung ist in der Regel gering.
Bewerbung: Wann und wie
Bewirb dich spätestens 3 Monate vor Stationsbeginn — bei Großkanzleien eher 4-6 Monate vorher. Die Bewerbung umfasst:
- Individuelles Anschreiben (keine Massenbewerbungen!)
- Lebenslauf mit Examensnotenin
- Examenszeugnisse und ggf. Stationszeugnisse
Im Anschreiben sollte klar werden, warum du dich für genau diese Kanzlei interessierst. Anschreiben nach dem Gießkannenprinzip werden von den Ansprechpartnern sofort erkannt und abgelehnt. Informiere dich über die Kanzlei, ihre Mandanten und ihr Rechtsgebiet — und formuliere konkret, was du dort lernen möchtest.
Einige Großkanzleien laden zu Kennenlerngesprächen ein, die einem Vorstellungsgespräch ähneln. Bereite dich darauf vor wie auf ein reguläres Bewerbungsgespräch.
Aufgaben in der Anwaltsstation
Was du in der Anwaltsstation konkret machst, hängt stark von der Kanzlei ab:
- Mandatsarbeit: Eigenständige Fallbearbeitung (je nach Kanzleigröße mehr oder weniger selbstständig)
- Schriftsätze: Klageschriften, Klageerwiderungen, Berufungsbegründungen entwerfen
- Gerichtstermine: Verhandlungen begleiten, teilweise selbst auftreten
- Mandantenkontakt: In kleineren Kanzleien oft direkt, in Großkanzleien eher indirekt
- Vertragsgestaltung: Verträge prüfen und entwerfen
- Rechtsrecherche: Gutachterliche Stellungnahmen zu Rechtsfragen
Vergütung: Was zahlen die Kanzleien?
Die Vergütung in der Anwaltsstation ist formal eine Nebentätigkeitsvergütung — sie kommt zur Unterhaltsbeihilfe hinzu. Die Spanne ist enorm:
- Großkanzleien: Bis zu 1.000 Euro pro Wochenarbeitstag im Monat (d.h. bis zu 7.500 Euro/Monat bei 5 Tagen/Woche)
- Mittelständische Kanzleien: Ca. 300-800 Euro/Monat
- Kleine Kanzleien / Einzelanwälte: Oft keine oder geringe Vergütung
Wichtig: Die Vergütung unterliegt der Anrechnungsgrenze (150% der Unterhaltsbeihilfe, ca. 2.328 Euro Gesamteinkommen). Bei Großkanzlei-Vergütungen wird der übersteigende Betrag auf die Unterhaltsbeihilfe angerechnet — trotzdem bleibt der Nettoverdienst erheblich höher als ohne Nebentätigkeit.
Die Tauchphase: Examensvorbereitung während der Anwaltsstation
Als Tauchphase bezeichnet man den Zeitraum während der Anwaltsstation, in dem du dich auf die Examensvorbereitung konzentrierst und nicht oder kaum in der Kanzlei arbeitest. Typischerweise sind das die letzten 2-3 Monate der Station.
Viele Großkanzleien bieten eine Gehaltsstreckung an: Die Gesamtvergütung wird über die volle Stationsdauer (inkl. Tauchphase) verteilt. Du bekommst also auch während der Tauchphase Geld — ein erheblicher finanzieller Vorteil für die intensive Examensvorbereitungszeit.
Stationszeugnis: Was wird bewertet?
Am Ende der Anwaltsstation erstellt dein Ausbilder (ein zugelassener Rechtsanwalt) ein Stationszeugnis. Bewertet werden in der Regel:
- Juristische Qualität der Arbeit
- Selbstständigkeit und Eigeninitiative
- Zuverlässigkeit und Sorgfalt
- Teamfähigkeit und Kommunikation
Das Stationszeugnis fließt in die Ausbildungsnote ein und kann bei späteren Bewerbungen relevant sein. In der Praxis wiegen die Examensnotenin aber deutlich schwerer.
Strategische Nutzung: Anwaltsstation als Einstieg in den Traumjob
Die Anwaltsstation ist gleichzeitig ein verlängertes Vorstellungsgespräch. Viele Kanzleien nutzen sie gezielt zum Recruiting und bieten guten Referendaren eine Übernahme an. Das bedeutet:
- Wähle die Kanzlei, bei der du arbeiten möchtest: Wenn du eine bestimmte Kanzlei als Arbeitgeber im Auge hast, absolviere dort die Anwaltsstation.
- Zeige dein Können: Die 9 Monate sind genug Zeit, um zu beweisen, dass du ins Team passt.
- Networking: Lerne die Partner und Senior Associates kennen. Sie entscheiden über die Einstellung.
- Teile die Station auf: Wenn du noch unsicher bist, teile die Station auf zwei Kanzleien auf und vergleiche.
Mehr zur strategischen Planung deiner Karriere während des Referendariats findest du im Artikel zur Karriereplanung.
Fragen & Antworten
4 Antworten aus Podcast-Episoden
Die Anwaltsstation dauert in den meisten Bundesländern 9 Monate, in NRW 10 Monate. Innerhalb dieser Zeit liegt auch die Tauchphase (typischerweise 2-3 Monate), in der du dich auf die Examensvorbereitung konzentrierst. Du kannst die Station auf zwei Kanzleien aufteilen, z.B. 5 Monate Großkanzlei und 4 Monate Boutique — das muss aber beim OLG genehmigt werden.
Das sagen unsere Experten
Ein häufiger Fehler: Referendare wählen die Anwaltsstation ausschließlich nach der Vergütung. Natürlich ist die Bezahlung wichtig — aber die Lernerfahrung und die Übernahmechancen sind langfristig wertvoller. Wer bei einer Großkanzlei 7.500 Euro pro Monat verdient, aber dort in eine Nische gesteckt wird und wenig lernt, hat weniger davon als jemand, der bei einer guten Mittelstandskanzlei echte Mandatsarbeit macht und danach mit einer klaren Vorstellung von seinem Berufswunsch ins Examen geht.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
