Inhaltsüberblick
Der krönende Abschluss: Warum die Wahlstation im Ausland dein Referendariat vergoldet
Das Rechtsreferendariat ist eine intensive Zeit, geprägt von Aktenvorträgen, dem ständigen Druck der AG-Klausuren und dem herannahenden zweiten Staatsexamen. Doch am Ende dieses Tunnels wartet ein besonderes Lichtblick: die Wahlstation. Für viele angehende Juristinnen und Juristen ist dies die letzte Chance, vor dem endgültigen Berufseinstieg noch einmal über den Tellerrand der deutschen Jurisprudenz hinauszublicken. Wie Marcus Kessler in Episode 297 ▶ 13:13 treffend beschreibt, fungiert die Wahlstation oft als willkommene „Flucht aus dem Klausurenkoller“. Es ist die Phase, in der du die graue Theorie gegen internationale Praxis eintauschen kannst.
Die Relevanz eines Auslandsaufenthalts in dieser Phase kann kaum überschätzt werden. In einer globalisierten Rechtswelt, in der grenzüberschreitende Mandate eher die Regel als die Ausnahme sind, ist internationale Erfahrung ein entscheidendes Asset in deinem Lebenslauf. Dabei geht es nicht nur um das Fachliche, sondern vor allem um die persönliche Entwicklung. Tim Petermann berichtet in Episode 172 ▶ 11:09 von seinem Aufenthalt in Wien. Obwohl man dort dieselbe Sprache spricht, war die Erfahrung in einer Insolvenzkanzlei durch ein „völlig anderes Rechtssystem“ und die hohe Eigenverantwortung extrem bereichend. Es zeigt, dass „juristische Mobilität“ den Blick auf die eigene Praxis nachhaltig verändert.
Ein wesentlicher Aspekt der Wahlstation im Ausland ist die Konfrontation mit der eigenen Komfortzone – insbesondere in sprachlicher Hinsicht. Christian Wensing schildert in Episode 342 ▶ 3:08, wie er während seiner Station in der Rechtsabteilung von Henkel feststellte, dass 80 % der Arbeit auf Englisch stattfanden. Diese Erkenntnis war so prägend, dass er sich entschied, nach dem zweiten Examen noch einen LL.M. in London dranzuhängen, um wirklich „fließendes Wirtschaftsenglisch“ zu beherrschen. Die Wahlstation dient also oft als Realitätscheck: Wo stehe ich fachlich und sprachlich im internationalen Vergleich?
Für diejenigen, die es noch weiter in die Ferne zieht, bietet die Wahlstation schier endlose Möglichkeiten. Nico Kuhlmann zog es beispielsweise ins Silicon Valley, wie er in Episode 14 ▶ 19:49 erzählt. Ihn reizte der Blick über die Dogmatik hinaus hin zu Innovation und Legal Tech. Wer bei Google oder Facebook erleben möchte, wie Technik die Rechtspraxis verändert, findet in der Wahlstation den perfekten Rahmen dafür. Auch Karsten Dusse, heute bekannter Autor, nutzte die Station für einen Aufenthalt in Los Angeles Episode 100 ▶ 10:30, wo er bei einem Hörbuchverlag am Rodeo Drive die Verbindung von deutschem Urheberrecht und kalifornischem Mindset kennenlernte.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Wahlstation im Ausland ist weit mehr als nur ein „Urlaub auf Staatskosten“. Sie ist ein strategisches Instrument zur Profilschärfung. Ob in einer Großkanzlei in London, wie bei Fabian Waterhölter Episode 298 ▶ 12:02, oder bei einer Stiftung wie der Krupp Stiftung, wie Marcel Werner in Episode 266 ▶ 9:27 berichtet – die Wahlstation erlaubt es dir, in Nischen hineinzuschnuppern und Netzwerke zu knüpfen, die oft direkt in den ersten Job führen.
Fragen & Antworten
30 Antworten aus Podcast-Episoden
Meine Wahlstation führte mich drei Monate nach Wien in eine Insolvenzkanzlei. Neue Stadt, völlig anderes Rechtssystem, viel Eigenverantwortung – und gleichzeitig Kaffeehauskultur und Oper um die Ecke. Dieses Auslands-“Abenteuer“ öffnete den Blick auf internationale Praxis und zeigte mir, wie bereichernd juristische Mobilität sein kann.
Aus Episode #172
IMR172: IMR Live, Zuschauerfragen an Hamburger Heuking Partner, Faszination Anwaltsberuf, Gute Referendarausbildung
mit Tim Petermann
Das sagen unsere Experten
Die Wahl der richtigen Station und des passenden Standorts will gut überlegt sein. Unsere Podcast-Gäste haben weltweit Erfahrungen gesammelt und betonen immer wieder, wie wichtig die Eigeninitiative und der Mut zum Unbekannten sind. Dabei geht es nicht nur um den Standort, sondern auch um die Form der Einbindung in das Team vor Ort.
Meine Wahlstation führte mich drei Monate nach Wien in eine Insolvenzkanzlei. Neue Stadt, völlig anderes Rechtssystem, viel Eigenverantwortung – und gleichzeitig Kaffeehauskultur und Oper um die Ecke. Dieses Auslands-“Abenteuer“ öffnete den Blick auf internationale Praxis.
Tim Petermanns Erfahrung unterstreicht, dass auch das europäische Ausland einen enormen Mehrwert bietet. Man muss nicht zwingend den Ozean überqueren, um ein „völlig anderes Rechtssystem“ kennenzulernen. Die Mischung aus fachlicher Herausforderung und kulturellem Rahmenprogramm (Kaffeehauskultur) macht den Reiz aus. Besonders wichtig ist hier der Punkt der „Eigenverantwortung“, die in Auslandsstationen oft höher ist als in den streng getakteten deutschen Pflichtstationen.
In der Wahlstation im Silicon Valley wollte ich erleben, wie die Großen – Google, Facebook – Innovation rechtlich begleiten und welche Ideen ich für Legal Tech nach Deutschland mitnehmen kann. Für mich war das die perfekte Verbindung aus Jura, Digitalisierung und Unternehmergeist.
Nico Kuhlmann zeigt auf, dass die Wahlstation auch eine fachliche Spezialisierung einleiten kann. Wer sich für Legal Tech interessiert, für den ist das Valley der „Place to be“. Hier wird deutlich: Nutze die Wahlstation, um ein Thema zu besetzen, das dich langfristig fasziniert, auch wenn es im klassischen Studium vielleicht zu kurz kam.
Während meiner Anwalts- und Wahlstation merkte ich: internationale Mandate, nette Teams und exzellente Ausbildung sind Realität, nicht Mythos. Das Angebot kam direkt nach dem Zweiten Examen – ich war erschöpft, aber neugierig und sagte Ja.
Dr. Marion Fischer, die ihre Station in Alicante bei Hogan Lovells verbrachte Episode 204 ▶ 16:52, macht einen entscheidenden Punkt für die Karriereplanung: Die Wahlstation ist oft das „Extended Interview“. Wer sich im Ausland bewährt, hat den Arbeitsvertrag oft schon vor der mündlichen Prüfung in der Tasche. Die räumliche Nähe und das gemeinsame Arbeiten an echten Mandaten schaffen ein Vertrauensverhältnis, das kein Vorstellungsgespräch ersetzen kann.
Ich teilte mir ein Büro mit einer Partnerin – ein permanentes Live-Tutorial. Fragen stellte ich über die Tischkante hinweg, bekam sofort Kontext und Verantwortung auf einer großen Transaktion. Diese räumliche Nähe senkte Hemmschwellen.
Fabian Waterhölter beschreibt in Episode 298 den Idealfall der Ausbildung: Das „Live-Tutorial“. In Auslandsbüros von Großkanzleien (hier London) sind die Hierarchien oft flacher und die Teams kleiner als an den deutschen Hauptstandorten. Das ermöglicht eine Lernkurve, die in Deutschland in dieser Geschwindigkeit kaum möglich wäre.
Zusammenfassende Handlungsempfehlung: Beginne frühzeitig (ca. 12-18 Monate im Voraus) mit der Planung. Überlege dir genau, ob du eher einen fachlichen Deep Dive (wie Nico Kuhlmann) oder einen kulturellen Tapetenwechsel (wie Karsten Dusse) suchst. Nutze Netzwerke von Kanzleien, die Secondments anbieten, um die Finanzierung zu sichern.
Vertiefung: Wahlstation im Ausland im Detail
Die Organisation einer Wahlstation im Ausland ist ein logistisches und finanzielles Puzzle. Während die staatliche Unterhaltsbeihilfe (je nach Bundesland ca. 1.500 € bis 1.700 € brutto) weiterläuft, reichen diese Mittel für Metropolen wie New York, London oder Singapur oft nicht aus. Hier kommen die unterschiedlichen Träger ins Spiel, die jeweils eigene Vor- und Nachteile bieten.
Finanzierung und Trägerwahl
Laut Branchenanalysen von Juve und LTO Karriere sind internationale Großkanzleien die lukrativste Option. US- und UK-Kanzleien zahlen oft Zusatzvergütungen zwischen 600 € und 1.000 € pro Wochenarbeitstag. Top-Tier-Einheiten übernehmen zusätzlich Flugkosten und bieten Wohnpauschalen an, wie es Amelie Wagner für Standorte wie New York oder Washington in Episode 25 andeutet. Wer hingegen zum Auswärtigen Amt (Botschaften) oder zu NGOs möchte, muss meist mit der reinen Unterhaltsbeihilfe kalkulieren, da diese Stellen in der Regel unbezahlt sind.
Strategische Planung: Kanzlei, Unternehmen oder Verwaltung?
Die Wahl des Trägers sollte zu deinem Karriereziel passen:
- Großkanzlei: Ideal für den direkten Berufseinstieg. Man lernt die „High-Stakes“-Arbeitsweise kennen. Fabian Waterhölter Episode 298 zeigt, wie die enge Zusammenarbeit mit Partnern in London die Hemmschwelle senkt.
- Unternehmen (In-house): Perfekt, um die Mandantenseite zu verstehen. Christian Wensing Episode 342 lernte bei Henkel, wie wichtig Business-Englisch im Konzernumfeld ist. Auch Marcus Kessler Episode 297 nutzte die Station bei Munich Re, um später in einem interdisziplinären Team Fuß zu fassen.
- Öffentlicher Dienst / AA: Einzigartige Einblicke in Diplomatie und internationales Recht. Carina Wirtz Episode 279 berichtet von ihrer Zeit beim Auswärtigen Amt in Houston, Texas, was besonders für politisch interessierte Juristen wertvoll ist.
- Stiftungen & NGOs: Für Spezialisten. Marcel Werner Episode 266 entdeckte bei der Krupp Stiftung seine Leidenschaft für das Stiftungsrecht, was seinen gesamten weiteren Karriereweg prägte.
Rechtliche und organisatorische Hürden
Vergiss nicht die formalen Aspekte: Die Genehmigung durch das zuständige Oberlandesgericht (Prüfungsamt) ist zwingend. Es muss ein „juristischer Bezug“ gewährleistet sein und ein Ausbilder vor Ort benannt werden, der zur Ausbildung befähigt ist (oft ein deutscher Anwalt oder ein lokaler Jurist mit vergleichbarer Qualifikation). Achte zudem auf Visumsbestimmungen, insbesondere in den USA (J1-Visum), die mehrere Monate Vorlauf benötigen.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
Passende Episoden
14 relevante Podcast-Folgen
IMR298: Berufseinstieg in München, Wahlstation in London, LL.M. in Chicago
mit Fabian Waterhölter
In der 298. Episode von IMR begrüßt Marc Fabian Waterhölter von Kirkland & Ellis aus München. Fabian spricht über seinen frühen Entschluss, Jura zu studieren, die Faszination für logisches Arbeiten, aber auch über seinen Studienstart in Hamburg und wie eher wenig konkrete Erwartungen ihm geholfen haben, offen an das Jurastudium heranzugehen. Es geht um seinen Weg über das erste Examen mitten in der Corona-Pandemie und die Entscheidung für einen LLM in den USA, wobei er spannende Einblicke zu Beweggründen und Hürden wie Reisebeschränkungen und Kosten gibt. Im Referendariat führte ihn sein Weg schließlich durch Kollegentipps und Workshops zu Kirkland & Ellis nach München und später nach London in die Wahlstation – mit einem besonderen Fokus auf das Arbeiten in internationalen Teams und die Vorteile, als deutscher Jurist auch im Ausland eingesetzt zu werden. Fabian erklärt anschaulich, was ein Associate im Bereich Corporate Private Equity bei Kirkland eigentlich macht, wie Transaktionen ablaufen und wie Berufseinsteiger eingebunden werden. Welche Weichenstellungen waren für seinen Karriereweg entscheidend? Wie läuft eine Wahlstation in internationalen Großkanzleien ab und was unterscheidet die Arbeit zwischen London und München? Muss man fachliche Vorkenntnisse im M&A mitbringen oder sind Neugier und Engagement wichtiger? Antworten auf diese und viele weitere Fragen erhaltet Ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!
IMR279: Arbeitsrecht mit internationalen Bezug, Social Responsibility Team, Ref beim Auswärtigen Amt in Houston, Texas
mit Carina Wirtz
In IMR-Episode 279 spricht Marc mit Carina Wirtz, Rechtsanwältin im Arbeitsrecht bei Bird & Bird in Düsseldorf. Carina berichtet von ihrem Weg in die Rechtswissenschaft, der von ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und ihrer Leidenschaft für Politik und Wirtschaft geprägt war. Während ihres Studiums in Frankfurt entdeckte sie ihre Begeisterung für das Arbeitsrecht, arbeitete an einem Lehrstuhl und sammelte wertvolle Erfahrungen durch Tutorien und das Korrigieren von Klausuren. Nach dem Examen entschied sie sich bewusst gegen eine Promotion und für das Referendariat. Besonders spannend war für Carina ihre Wahlstation beim Generalkonsulat in Houston, Texas, wo sie die internationalen Verbindungen Deutschlands hautnah miterleben konnte. Heute arbeitet sie bei Bird & Bird und berät Mandanten in arbeitsrechtlichen Fragen, von einfachen Nachfragen bis zu komplexen Fällen wie Restrukturierungen und der Zusammenarbeit mit Behörden. Zudem ist sie Teil des Social Responsibility Teams der Kanzlei, wo sie mit Projekten wie einer Wunschbaumaktion bedürftigen Kindern und Senioren Weihnachtswünsche erfüllt. Falls Ihr euch für das Arbeitsrecht mit internationalen Bezügen interessiert, hört (erst recht) rein. Viel Spaß mit dieser Episode Eures Jurapodcasts zu allen Karrierethemen!
IMR178: Ref-Station in Washington, White Collar Crime, Pro-Bono Mandat Verbrechen gegen die Menschlichkeit
mit Alexander Suttor
Herzlich willkommen zu IMR178 mit Alexander Suttor aus Frankfurt. Alexander arbeitet heute als Associate im Frankfurter Büro von Clifford Chance im Wirtschaftsstrafrecht, hat jedoch in Süddeutschland studiert. Ferner führte ihn sein Studium im Rahmen eines Erasmus-Aufenthalts nach Italien. Warum hat er sich für das Referendariat in einer Großkanzlei sowie den anschließenden Berufseinstieg bei Clifford entschieden? Wie war die Wahlstation in Washington? Was gefällt ihm am Wirtschaftsstrafrecht? Wie kam es, dass er die Zeit bis zum Verbesserungsversuch im zweiten Examen mit der Begleitung des Koblenzer Terrorismusverfahrens überbrücken durfte? Antworten auf diese Fragen und viele weitere Einblicke liefert Alexander in einer kurzweiligen Podcastfolge. Viel Spaß!
IMR028: Referendariat, Gericht, Staatsanwalt und Anwaltschaft | Interview Rechtsanwalt
mit Dr. Thomas Ackermann
Erfahre im Interview mit Rechtsanwalt Thomas Ackermann, LL.M. alles zu deinem Referendariat. Warum sollte man überhaupt das Referendariat machen, nachdem man das Jurastudium hinter sich gebracht hat? Wie läuft der Anmeldeprozess ab? Wovon lebt man währenddessen? Wie sieht es mit Zuverdienstmöglichkeiten aus? Welche Gesichtspunkte sollte man bei der Wahl seiner Stationen bedenken und warum ist eine Auslandsstation (über das auswärtige Amt oder bei einer Kanzlei) besonders zu empfehlen? Hört selbst:
