Inhaltsüberblick
Deine Verwaltungsstation: Mehr als nur Aktenstaub in der Behörde
Herzlich willkommen in einem der spannendsten, aber oft am meisten unterschätzten Abschnitte Deines Rechtsreferendariats: der Verwaltungsstation. Während viele Referendare den Fokus fast ausschließlich auf die Zivil- oder Anwaltsstation legen, bietet die Zeit in der Verwaltung eine einzigartige Gelegenheit, die Weichen für Deine spätere Karriere zu stellen. Ob im Bundesministerium, beim Bundeskartellamt oder in der kleinen Gemeinde um die Ecke – hier lernst Du, wie Recht in die Praxis umgesetzt wird, bevor es überhaupt vor einem Gericht landet. In diesem Guide erfährst Du, wie Du das Maximum aus diesen drei bis vier Monaten herausholst.
Die Relevanz dieses Themas wird oft erst klar, wenn man die Vielfalt der Möglichkeiten betrachtet. Es geht nicht nur darum, Widerspruchsbescheide zu entwerfen. Es geht um strategische Planung, politische Gestaltung und den Blick hinter die Kulissen staatlichen Handelns. Wie Sebastian Louven in Episode 116 betont, kann eine gezielt gewählte Station wie beim Bundeskartellamt ein echter „Sprung ins kalte Wasser“ sein, der Dein Verständnis für komplexe Rechtsgebiete wie das Wettbewerbsrecht nachhaltig prägt. Er lernte dort, dass Recht kein abstraktes Konstrukt ist, sondern aktives „Markt-Engineering“.
Wichtige Erkenntnisse für Deine Planung
- Wähle nach Interesse, nicht nach Bequemlichkeit: Sebastian Louven rät dazu, sich eine Station zu suchen, die wirklich spannend ist, um echtes Fachwissen mitzunehmen Episode 116 ▶ 6:35.
- Internationale Horizonte öffnen: Die Verwaltungsstation bietet die Chance, bei Institutionen wie dem Auswärtigen Amt Diplomatie und Politik hautnah zu erleben, wie Emily Büning in Episode 85 ▶ 13:19 berichtet.
- Zusatzqualifikationen nutzen: Ein Ergänzungsstudium an der Universität Speyer kann die Lücken füllen, die das klassische Studium lässt – von Rhetorik bis hin zu Projektmanagement, wie Pascal Bayer eindrucksvoll in Episode 328 ▶ 5:01 schildert.
- Berufliche Orientierung: Die Station hilft Dir zu verstehen, ob Du eher der „Gestalter“ (Anwaltschaft) oder der „Verwalter“ (Öffentlicher Dienst) bist. Tino Sieland nutzte diese Zeit, um festzustellen, dass er lieber als Anwalt unmittelbar Probleme löst Episode 98 ▶ 9:10.
- Nischen entdecken: Selbst in einer kleinen Gemeinde lassen sich Leidenschaften für Gebiete wie das Baurecht entdecken, die später in eine spezialisierte Kanzleikarriere münden können, wie das Beispiel von Katharina Imfeld zeigt Episode 299 ▶ 7:10.
Viele Referendare fragen sich zudem, wie es finanziell aussieht. Während der Unterhaltsunterhalt je nach Bundesland variiert, bietet der spätere Einstieg in den öffentlichen Dienst (A13/R1) eine solide Basis von ca. 55.000 € bis 65.000 € brutto. Berücksichtigt man den „Beamten-Netto-Effekt“ durch wegfallende Sozialabgaben, ist dies oft konkurrenzfähig mit Gehältern in der freien Wirtschaft von bis zu 80.000 €. Doch bevor Du dort ankommst, musst Du die Verwaltungsstation als Sprungbrett nutzen.
Fragen & Antworten
5 Antworten aus Podcast-Episoden
Meine Verwaltungsstation in der Beschlussabteilung des Bundeskartellamts war ein Sprung ins kalte Wasser. Ich schrieb Vermerke zu Rundfunk- und Telekombeschlüssen, sah ökonomische Analysen live. Dort lernte ich, dass Wettbewerbsrecht nicht abstrakt, sondern praktisches Markt-Engineering ist. Dieses Erlebnis verankerte Kartellrecht dauerhaft in meinem beruflichen Werkzeugkasten.
Aus Episode #116
IMR116: Einzelanwalt im Kartell- und Telekommunikationsrecht | Jura-Podcast
mit Dr. Sebastian Louven
Das sagen unsere Experten
Die Wahl der richtigen Station ist entscheidend für Deinen Lerneffekt und Deinen Lebenslauf. Unsere Podcast-Gäste haben sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht, die eines gemeinsam haben: Sie waren prägend für den weiteren Weg.
Möglichst spannend also, man kann sich ja schon einiges aussuchen und ich war eigentlich mir war von Anfang an klar, dass ich in der Verwaltungs Station auch irgendwo hingehen will, wo es spannend ist und wo ich was mitnehmen.
Sebastian Louven verdeutlicht hier einen zentralen Punkt: Die Verwaltungsstation sollte kein „Absitzen“ der Zeit sein. Wer sich für spezialisierte Behörden wie das Bundeskartellamt entscheidet, bekommt Einblicke in ökonomische Analysen und komplexe Beschlussverfahren, die in einer Standard-Verwaltung kaum möglich wären. Es ist die Chance, sich ein Expertenprofil aufzubauen, das später in Boutiquen oder Großkanzleien extrem gefragt ist.
Speyer bot mir in der Verwaltungsstation genau das, was im klassischen Referendariat fehlt: Rhetorikkurse, Fremdsprachen, Projektarbeit. Durch Seminarvorträge lernte ich, komplexes Recht praxisnah zu präsentieren.
Pascal Bayer hebt einen oft übersehenen Weg hervor: Das Ergänzungsstudium an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer. Für viele Referendare ist dies die „Eierlegende Wollmilchsau“, da man dort nicht nur wertvolle Soft Skills erwirbt, sondern auch Kontakte knüpft, die weit über das Referendariat hinausreichen. Besonders für Erstakademiker bietet Speyer ein Netzwerk, das sonst schwer zugänglich ist.
Die Verwaltungsstation im Auswärtigen Amt verband Diplomatie mit Politik... internationale Projekte, Nahost-Einblicke und eigenständiges Arbeiten zeigten mir, wie juristisches Handwerkszeug weltweit politisch wirksam wird.
Wer Fernweh hat, sollte die Tipps von Thomas Ackermann in Episode 28 ▶ 15:35 beherzigen: Die Verwaltungsstation ist eine „relativ komfortable Möglichkeit“, Zeit im Ausland zu verbringen. Ob Botschaft, Vertretung oder internationale Organisation – die Kombination aus juristischer Arbeit und interkultureller Erfahrung ist ein Alleinstellungsmerkmal in jedem Bewerbungsprozess.
Ich fand in der Verwaltungsstation alle Themen rund im Bau sehr spannend... Gerichtsstation in Frankfurt, dann die Verwaltungsstation in einer Gemeinde.
Katharina Imfeld zeigt, dass auch die klassische Kommunalverwaltung ihren Reiz hat. Hier sieht man die unmittelbaren Auswirkungen rechtlicher Entscheidungen – etwa, wenn aus einer „grünen Wiese ein Hochhaus wird“. Solche praktischen Erfahrungen sind Gold wert, wenn man sich später für Rechtsgebiete wie das private Baurecht oder Immobilienrecht entscheiden möchte.
Zusammenfassende Handlungsempfehlung
Nutze die Verwaltungsstation aktiv zur Profilbildung. Wenn Du eine Karriere im öffentlichen Dienst anstrebst, wähle eine Station mit hoher Übernahmechance oder Ministeriumsbezug. Ziehst Du die Anwaltschaft vor, suche Dir eine Behörde, die Dein späteres Spezialgebiet reguliert (z.B. BaFin für Bankrecht oder das Kartellamt für Wettbewerbsrecht). Und vergiss nicht: Die Bewerbungsfristen für Top-Stationen wie das Auswärtige Amt liegen oft über ein Jahr im Voraus!
Vertiefung: Tipps für die Verwaltungsstation im Detail
Um das Beste aus Deiner Verwaltungsstation herauszuholen, solltest Du die strukturellen Unterschiede der verschiedenen Institutionen verstehen. Die Verwaltungsstation dauert in der Regel drei bis vier Monate und bietet mehr Flexibilität als die Gerichtsstation.
Die Wahl der richtigen Behörde
Es gibt drei Hauptkategorien von Stationen, die jeweils unterschiedliche Vorteile bieten:
- Kommunalverwaltung (Stadt/Gemeinde): Hier bist Du nah am Bürger. Du bearbeitest Fälle im Ordnungsrecht, Baurecht oder Sozialrecht. Der Vorteil ist die hohe Praxisrelevanz und die Sichtbarkeit Deiner Arbeit, wie Katharina Imfeld in Episode 299 beschreibt.
- Spezialbehörden (Bundeskartellamt, BaFin, Datenschutzbeauftragte): Diese Stationen sind ideal für eine spätere Spezialisierung in einer Kanzlei. Du lernst die Denkweise der Regulierer kennen, was Dich später für Mandanten extrem wertvoll macht. Sebastian Louven konnte so sein Profil im Kartellrecht schärfen Episode 116.
- Ministerien und Oberste Bundesbehörden: Hier steht die politische Gestaltung im Vordergrund. Du arbeitest an Gesetzentwürfen mit und lernst die parlamentarischen Abläufe kennen. Dies ist der klassische Weg für eine Karriere im höheren Dienst (Besoldung A13).
Das Ergänzungsstudium in Speyer
Ein besonderer Tipp für alle, die über den juristischen Tellerrand hinausblicken wollen, ist die Universität Speyer. Pascal Bayer betont in Episode 328, dass die vier Monate dort (oft als Teil der Verwaltungs- oder Wahlstation) eine willkommene Abwechslung zum repetitiven Klausurentraining sind. Die Möglichkeit, interdisziplinär zu arbeiten und gleichzeitig ein Netzwerk zu anderen Referendaren aus ganz Deutschland aufzubauen, ist unbezahlbar. Zudem lassen sich die dort erbrachten Leistungen oft auf einen späteren Master (LL.M. Admin oder Mag. rer. publ.) anrechnen.
Finanzielle Aspekte und Karriereaussichten
Während des Referendariats lebst Du von der Unterhaltsbeihilfe. Thomas Ackermann weist in Episode 28 darauf hin, dass man sich frühzeitig über Zuverdienstmöglichkeiten informieren sollte. Nach dem zweiten Staatsexamen winkt im öffentlichen Dienst eine attraktive Besoldung. Ein Regierungsrat (A13) startet mit einem Gehalt, das zwar nominal unter dem einer Großkanzlei (140.000 €+) liegt, aber durch die Verbeamtung, die Pension und die Familienzuschläge eine hohe langfristige Sicherheit und ein sehr gutes Netto-Einkommen bietet. Wer jedoch „gestalten statt verwalten“ will, für den ist die Station – wie für Tino Sieland Episode 98 – die Bestätigung, dass der Weg in die freie Anwaltschaft der richtige ist.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
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IMR328: Jurist bei der Stadtverwaltung, Master in Speyer, Studium als Erstakademiker, Entscheidung gegen Großkanzlei, Förderrichtlinie schreiben
mit Pascal Bayer
Diese 328. Episode von IMR widmet sich dem Berufsweg von Pascal Bayer, Volljurist im Rechtsamt der Stadt Bad Kreuznach, der ohne familiäre Vorprägung Jura studierte und sich nach Studium, Referendariat und Speyer-Ergänzungsstudium bewusst gegen die Großkanzlei und für den kommunalen Dienst entschied. Im Gespräch schildert er Erfahrungen aus Straf-, Zivil- und Verwaltungsstation, erklärt, wie er durch clevere Kurswahl den Speyer-Master in einem Semester absolvierte und beschreibt seinen heutigen Alltag als interne Rechtsabteilung einer Stadtverwaltung. Dort prüft er Verträge, entwirft Förderrichtlinien und deckt breite Rechtsgebiete von Miet- bis Vergaberecht ab. Wie grenzt sich die Arbeit im öffentlichen Dienst von der Kanzlei ab? Welche Rolle spielen Gleitzeit, Teilzeitmodelle und Work-Life-Balance tatsächlich? Warum können Kommunen bei rechtlich komplexen Projekten Großkanzleiaufwand erreichen und wann braucht es externe Prozessvertretung? Welche Fähigkeiten jenseits des Examens sind entscheidend, um souverän zwischen Fachämtern, Stadtrat und Bürgern zu vermitteln? Antworten auf diese und viele weitere Fragen erhaltet Ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!
IMR028: Referendariat, Gericht, Staatsanwalt und Anwaltschaft | Interview Rechtsanwalt
mit Dr. Thomas Ackermann
Erfahre im Interview mit Rechtsanwalt Thomas Ackermann, LL.M. alles zu deinem Referendariat. Warum sollte man überhaupt das Referendariat machen, nachdem man das Jurastudium hinter sich gebracht hat? Wie läuft der Anmeldeprozess ab? Wovon lebt man währenddessen? Wie sieht es mit Zuverdienstmöglichkeiten aus? Welche Gesichtspunkte sollte man bei der Wahl seiner Stationen bedenken und warum ist eine Auslandsstation (über das auswärtige Amt oder bei einer Kanzlei) besonders zu empfehlen? Hört selbst:
