Inhaltsüberblick
Das Referendariat ist nicht nur Ausbildung, sondern auch die Phase, in der du die Weichen für deinen Berufsweg stellst. Die Spanne der Einstiegsgehälter liegt zwischen ca. 45.000 Euro im öffentlichen Dienst und bis zu 160.000 Euro in einer Top-Großkanzlei. Aber Geld ist nur ein Faktor — Arbeitszeiten, Selbstständigkeit, gesellschaftlicher Impact und Work-Life-Balance unterscheiden sich je nach Karriereweg erheblich. In diesem Artikel vergleichen wir die wichtigsten Karrierewege, zeigen dir, wann du mit der Planung beginnen solltest, und geben dir konkrete Tipps für die strategische Nutzung deiner Stationen.
Karrierewege nach dem Referendariat: Der Überblick
Nach dem 2. Staatsexamen stehen dir grundsätzlich alle juristischen Berufe offen. Die wichtigsten Wege:
1. Großkanzlei
Großkanzleien (ab ca. 100 Anwälte, international tätig) bieten die höchsten Einstiegsgehälter auf dem Juristenmarkt.
- Einstiegsgehalt: Ca. 100.000-160.000 Euro brutto pro Jahr. Der Durchschnitt liegt bei ca. 118.000 Euro, Top-Kanzleien zahlen bis zu 160.000 Euro.
- Arbeitszeit: Ca. 60 Stunden pro Woche, typischer Arbeitstag 9-21 Uhr
- Notenanforderung: Mindestens Vollbefriedigend (VB, 9+ Punkte) in beiden Examina, viele Kanzleien erwarten 11+ Punkte
- Vorteile: Höchste Vergütung, renommierte Mandate, internationale Arbeit, steile Gehaltsentwicklung
- Nachteile: 60+ Stunden/Woche, hoher Druck, begrenzte Work-Life-Balance
- Partnertrack: 8-12 Jahre bis zur Partnerschaft
2. Justiz: Richter und Staatsanwalt
Der klassische juristische Beruf mit der größten Unabhängigkeit.
- Einstiegsgehalt: R1-Besoldung, ca. 48.000-64.000 Euro brutto pro Jahr je nach Bundesland. Hamburg zahlt mit ca. 5.336 Euro/Monat am meisten, Saarland mit ca. 4.847 Euro/Monat am wenigsten.
- Notenanforderung: Prädikatsexamen (VB, 9+ Punkte) in beiden Examina. In Bayern mindestens 8 Punkte im 2. Examen.
- Vorteile: Planungssicherheit, Altersversorgung und Krankenversorgung, gute Work-Life-Balance, richterliche Unabhängigkeit
- Nachteile: Geringeres Gehalt als in der Kanzlei, lange Probezeit (3-5 Jahre), Standort oft nicht frei wählbar
3. Öffentliche Verwaltung
Ministerien, Behörden und internationale Organisationen suchen regelmäßig Volljuristen.
- Einstiegsgehalt: A13/A14, ca. 45.000-55.000 Euro brutto pro Jahr
- Notenanforderung: Befriedigend bis VB, je nach Position
- Vorteile: Jobsicherheit, geregelte Arbeitszeiten, gesellschaftlicher Impact, Vereinbarkeit Familie und Beruf
- Nachteile: Vergleichsweise niedrige Vergütung, Bürokratie, langsame Aufstiegsmöglichkeiten
4. Unternehmensjurist (Inhouse)
Rechtsabteilungen von Unternehmen bieten einen Mittelweg zwischen Kanzlei und öffentlichem Dienst.
- Einstiegsgehalt: Ca. 65.000-100.000 Euro brutto pro Jahr
- Notenanforderung: Befriedigend bis VB, je nach Unternehmen. Geringere Anforderungen als bei Großkanzleien.
- Aufgaben: Vertragsprüfung, Compliance, Datenschutz, M&A-Begleitung
- Vorteile: Gute Work-Life-Balance, vielfältige Aufgaben, Wirtschaftsnähe, oft gute Benefits
- Nachteile: Kein klassischer Anwaltsberuf, Abhängigkeit von einem Arbeitgeber
5. Boutique-Kanzlei und Einzelanwalt
Spezialisierte Kanzleien oder die eigene Kanzlei — für alle, die Tiefe statt Breite suchen.
- Einstiegsgehalt: Ca. 50.000-80.000 Euro in einer Mittelstandskanzlei, stark variabel bei Einzelanwälten
- Vorteile: Spezialisierung, höhere Eigenverantwortung, mehr Mandantenkontakt
- Nachteile: Weniger Vergütung als Großkanzlei, höheres unternehmerisches Risiko bei Selbstständigkeit
6. Legal Tech und alternative Karrierewege
Neue Berufsfelder für Juristen wachsen rasant: Legal Tech, Legal Design, Legal Operations, AI Ethics, ESG Advisory.
- Einstiegsgehalt: Variabel, ca. 50.000-120.000 Euro pro Jahr
- Notenanforderung: Flexibel — Tech-Skills und unternehmerisches Denken oft wichtiger als die Examensnote
- Vorteile: Innovation, Flexibilität, Zukunftsbranche, Gestaltungsspielraum
- Nachteile: Startup-Risiko, teilweise weniger juristische Tätigkeit
Gehaltsvergleich: Einstiegsgehälter auf einen Blick
| Karriereweg | Einstiegsgehalt (brutto/Jahr) | Notenanforderung |
|---|---|---|
| Großkanzlei | 100.000-160.000 € | VB+ (9+ Punkte, oft 11+) |
| Unternehmensjurist (Inhouse) | 65.000-100.000 € | Befriedigend bis VB |
| Mittelständische Kanzlei | 50.000-80.000 € | Befriedigend bis VB |
| Legal Tech / Alternative | 50.000-120.000 € | Flexibel |
| Justiz (R1) | 48.000-64.000 € | VB in beiden Examina |
| Öffentliche Verwaltung | 45.000-55.000 € | Befriedigend bis VB |
Berechne deine voraussichtliche Examensnote mit unserem Notenrechner für das 2. Staatsexamen — so kannst du einschätzen, welche Karrierewege realistisch sind.
Stationen strategisch wählen
Deine Stationenwahl im Referendariat beeinflusst deine Karrierechancen erheblich:
- Großkanzlei als Ziel: Absolviere die Anwaltsstation in einer Großkanzlei. Nutze die Wahlstation für ein Auslandsbüro derselben Kanzlei oder eine andere Top-Kanzlei zum Vergleich.
- Justiz als Ziel: Nutze Zivil- und Strafstation optimal (diese wirst du als Richter/Staatsanwalt täglich brauchen). Die Wahlstation am BGH oder BVerfG macht sich im Lebenslauf hervorragend.
- Inhouse als Ziel: Absolviere eine Station in einer Rechtsabteilung (z.B. als Wahlstation). So lernst du die Inhouse-Arbeitsweise kennen und knüpfst Kontakte.
- Öffentliche Verwaltung: Die Verwaltungsstation in einem Ministerium oder bei einer internationalen Organisation gibt dir den Einblick.
Netzwerken im Referendariat
Das Referendariat ist eine der besten Networking-Phasen deiner Karriere. Du lernst in jeder Station neue Juristen kennen — Richter, Staatsanwälte, Anwälte, Verwaltungsjuristen. Nutze das:
- Events und Kanzlei-Dinner: Großkanzleien laden Referendare regelmäßig zu Events ein. Geh hin — auch wenn es nicht deine Wunschkanzlei ist.
- Referendarstammtische: In vielen Städten gibt es informelle Treffen. Hier erfährst du aus erster Hand, wie andere ihre Stationen und Karriere planen.
- LinkedIn: Baue während des Referendariats dein LinkedIn-Profil auf. Viele Kanzleien und Unternehmen rekrutieren aktiv über die Plattform.
- Mentoring: Manche Kanzleien und Verbände bieten Mentoring-Programme für Referendare an. Ein Mentor kann bei Karriereentscheidungen helfen.
Bewerbungstiming: Wann man sich während des Referendariats bewirbt
Der richtige Zeitpunkt für die Bewerbung hängt vom Karriereweg ab:
- Großkanzlei: Bewerbung ab der Anwaltsstation, spätestens 6 Monate vor Examensende. Viele Kanzleien geben Zusagen schon während der Station.
- Justiz: Bewerbung nach Bestehen des 2. Examens. Das Auswahlverfahren dauert mehrere Monate — rechne mit 3-6 Monaten Vorlauf.
- Unternehmen: Bewerbung ab der Wahlstation oder nach dem Examen. Viele Unternehmen haben keine festen Einstellungstermine.
- Öffentliche Verwaltung: Nach dem Examen, Ausschreibungen beachten. Bewerbungsfristen sind oft knapp.
Karriereplanung im Referendariat: Wann anfangen?
Die Karriereplanung sollte spätestens in der Anwaltsstation beginnen — besser noch früher. Nutze die ersten Stationen (Zivil, Straf, Verwaltung), um verschiedene Perspektiven kennenzulernen und herauszufinden, was dir liegt. Die Anwaltsstation und Wahlstation sind dann die Stationen, in denen du gezielt auf dein Karriereziel hinarbeitest.
Ein pragmatischer Ansatz: Wenn du nach der Verwaltungsstation immer noch unsicher bist, was du willst, teile die Anwaltsstation auf zwei verschiedene Kanzleitypen auf (z.B. Großkanzlei und Boutique) und nutze die Wahlstation für eine dritte Option (z.B. Inhouse oder Ausland). So hast du am Ende des Referendariats einen guten Überblick über die verschiedenen Arbeitsumfelder.
Fragen & Antworten
4 Antworten aus Podcast-Episoden
Das durchschnittliche Einstiegsgehalt in Großkanzleien liegt bei ca. 118.000 Euro brutto pro Jahr. Top-Kanzleien zahlen bis zu 160.000 Euro. Dafür sind Arbeitszeiten von ca. 60 Stunden pro Woche üblich. Die Notenanforderung liegt bei mindestens Vollbefriedigend (9+ Punkte) in beiden Examina, viele Kanzleien erwarten 11+ Punkte.
Das sagen unsere Experten
Ein Rat, den viele erfahrene Juristen geben: Lass dich bei der Karrierewahl nicht ausschließlich von der Examensnote treiben. Natürlich bestimmt die Note, welche Türen offen stehen — aber innerhalb deiner Möglichkeiten solltest du den Beruf wählen, der zu deiner Persönlichkeit und deinen Lebensvorstellungen passt. Wer 60 Stunden pro Woche in der Großkanzlei arbeitet und dabei unglücklich ist, hat trotz des hohen Gehalts wenig gewonnen. Und wer mit einem befriedigenden Examen einen Job findet, der ihm Spaß macht und Work-Life-Balance bietet, hat langfristig oft die bessere Wahl getroffen.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
