Inhaltsüberblick
Du hast das Erste Staatsexamen bestanden und willst ins Referendariat starten? Dann steht jetzt die Bewerbung beim zuständigen Oberlandesgericht (OLG) oder Landesjustizprüfungsamt (LJPA) an. Klingt einfach, hat aber einige Stolperfallen: Die Fristen, Einstellungstermine und Wartezeiten unterscheiden sich je nach Bundesland erheblich. In diesem Artikel erfährst du Schritt für Schritt, wie du dich erfolgreich bewirbst, welche Unterlagen du brauchst und wie du Wartezeiten vermeidest.
Wann und wo bewirbt man sich für das Referendariat?
Die Bewerbung für das Referendariat erfolgt beim zuständigen OLG oder LJPA des Bundeslandes, in dem du das Referendariat absolvieren möchtest. Online-Bewerbungsportale sind mittlerweile bei den meisten OLGs Standard. Du bist dabei grundsätzlich nicht an das Bundesland gebunden, in dem du studiert hast — ein Wechsel ist möglich und manchmal sogar strategisch sinnvoll.
Wichtig: Die Bewerbungsfristen variieren stark. In der Regel musst du dich 2 bis 6 Monate vor dem gewünschten Einstellungstermin bewerben. Nach Eingang der Bewerbung erhältst du typischerweise 2-3 Wochen später eine vorläufige Zuweisung. Die endgültige Zulassung kommt dann etwa 3 Wochen vor Dienstantritt — vorausgesetzt, alle Unterlagen liegen vollständig vor.
Einstellungstermine nach Bundesland
Die Einstellungsfrequenz ist einer der größten Unterschiede zwischen den Bundesländern. Wer flexibel ist, kann Wartezeiten deutlich verkürzen.
Monatliche Einstellung (12x pro Jahr)
Nordrhein-Westfalen stellt als einziges Bundesland jeden Monat neue Referendare ein — mit ca. 100 Neueinstellungen pro Monat die höchste Frequenz bundesweit. Die drei OLG-Bezirke (Düsseldorf, Köln, Hamm) haben dabei unterschiedliche Wartezeiten: OLG Hamm 2-3 Monate, OLG Düsseldorf ca. 5 Monate, OLG Köln 9-10 Monate.
Vierteljährliche Einstellung (4x pro Jahr)
Berlin stellt im Februar, Mai, August und November ein. Allerdings sind die Wartezeiten hier mit über zwei Jahren (Stand 2025) besonders lang. Berlin hat im März 2025 sein Platzvergabesystem geändert, was die Situation mittelfristig verbessern soll.
Niedersachsen stellt in März, Juni, September und Dezember ein, mit einer Bewerbungsfrist, die 5 Monate vor dem Einstellungstermin beginnt und 2 Monate vorher endet.
Halbjährliche Einstellung (2x pro Jahr)
Bayern stellt im April und Oktober ein, mit ca. 1.500 Neueinstellungen pro Jahr. Die Bewerbungsfristen sind klar definiert: Für die Oktober-Einstellung gilt der 11. August als Frist, für die April-Einstellung der 10. Februar. Ein großer Vorteil: In Bayern gibt es keine Wartezeiten.
Baden-Württemberg stellt ebenfalls halbjährlich ein (April und Oktober). Die Bewerbung erfolgt online bei den OLGs Karlsruhe oder Stuttgart, mit Fristen am 31. Mai (für Oktober) bzw. 30. November (für April).
Wartezeiten: Wo es schnell geht und wo nicht
Die Wartezeiten sind für viele Bewerber das entscheidende Kriterium bei der Bundeslandwahl. Hier ein Überblick:
- Keine oder sehr kurze Wartezeiten: Bayern, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
- Moderate Wartezeiten (bis 6 Monate): Niedersachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz
- Lange Wartezeiten: Berlin (über 2 Jahre), Hamburg (bis 1,5 Jahre ohne Top-Note), OLG Köln (9-10 Monate)
In Hamburg ist die Situation besonders: Wer 11,5 Punkte oder mehr im Ersten Examen hat, wird in der Regel sofort eingestellt. Alle anderen müssen mit erheblichen Wartezeiten rechnen. Hamburg vergibt ca. 300 Plätze alle zwei Monate.
Ein pragmatischer Tipp: Wenn du in einem Bundesland mit langen Wartezeiten wohnst, kannst du dich parallel in einem Bundesland mit kurzen Wartezeiten bewerben. Viele Referendare nutzen z.B. Brandenburg oder Sachsen als Alternative zu Berlin.
Erforderliche Unterlagen: Die vollständige Checkliste
Die folgenden Unterlagen brauchst du für deine Bewerbung. Die genauen Anforderungen können je nach OLG leicht variieren, aber dieser Katalog deckt die allermeisten Fälle ab:
- Beglaubigte Kopie des Examenszeugnisses (Erstes Staatsexamen)
- Tabellarischer Lebenslauf
- Geburtsurkunde
- Aktuelles Lichtbild / Passfoto
- Polizeiliches Führungszeugnis (Belegart O, zur Vorlage bei einer Behörde)
- Ggf. Heiratsurkunde oder Geburtsurkunden der Kinder (für Familienzuschlag)
- Ggf. Nachweis über Freiversuch oder Notenverbesserung
- Ggf. Nachweis über abgeleisteten Wehr- oder Zivildienst
Bestelle das Führungszeugnis frühzeitig — es dauert in der Regel 1-3 Wochen. Manche OLGs akzeptieren auch einen Antrag auf Führungszeugnis als Nachweis, wenn das Zeugnis selbst noch nicht da ist.
Note und Einstellungschancen
In den meisten Bundesländern gibt es keine formale Mindestnote für die Einstellung ins Referendariat — jeder, der das Erste Examen bestanden hat, hat grundsätzlich Anspruch auf einen Referendariatsplatz. Allerdings beeinflusst die Note in manchen Bundesländern die Wartezeit erheblich.
In Hamburg beispielsweise werden die Plätze vorrangig nach Noten vergeben. Wer 11,5 Punkte oder mehr hat, wird sofort eingestellt. Bei niedrigeren Noten können bis zu 1,5 Jahre Wartezeit entstehen. In NRW (OLG Köln) und Berlin spielt die Note ebenfalls eine Rolle bei der Vergabe von Plätzen mit kürzeren Wartezeiten.
Sonderfälle: Ausländischer Abschluss und Quereinsteiger
Wer ein ausländisches juristisches Examen hat, muss zunächst die Anerkennung durch das zuständige Justizprüfungsamt beantragen. Die Voraussetzungen und das Verfahren variieren je nach Bundesland. In der Regel ist eine Eignungsprüfung erforderlich, die dem Ersten Staatsexamen ähnelt.
Für EU-Bürger mit einem juristischen Abschluss aus einem anderen EU-Land gelten besondere Regelungen nach der Berufsanerkennungsrichtlinie. Hier lohnt sich eine frühzeitige Beratung beim zuständigen LJPA.
Ortswunsch und Zuweisung
Bei der Bewerbung kannst du in den meisten Bundesländern einen Ortswunsch angeben — also das Landgericht oder Amtsgericht, dem du zugewiesen werden möchtest. Ob dieser Wunsch erfüllt wird, hängt von der Verfügbarkeit ab. In großen Bundesländern wie NRW oder Bayern mit mehreren OLG-Bezirken bewirbst du dich direkt beim gewünschten OLG.
Soziale Kriterien (z.B. Kinder, pflegebedürftige Angehörige, Ehepartner am Ort) werden bei der Zuweisung in der Regel berücksichtigt. Wer flexibel ist, erhält oft schneller einen Platz.
Tipps für die Bewerbung: Häufige Fehler vermeiden
- Frühzeitig bewerben: Informiere dich über die Fristen deines Wunsch-OLGs, sobald du das Examensergebnis hast. Manche Fristen laufen nur wenige Wochen.
- Unterlagen vollständig einreichen: Fehlende Unterlagen verzögern die Bearbeitung und können im schlimmsten Fall zur Ablehnung für den Wunschtermin führen.
- Mehrere Bundesländer in Betracht ziehen: Parallelbewerbungen in mehreren Bundesländern sind erlaubt und bei langen Wartezeiten sinnvoll.
- Führungszeugnis rechtzeitig beantragen: Das Führungszeugnis hat eine begrenzte Gültigkeitsdauer. Beantrage es so, dass es zum Bewerbungszeitpunkt aktuell ist.
- Online-Portal nutzen: Wo vorhanden, nutze das Online-Bewerbungsportal. Es beschleunigt die Bearbeitung und vermeidet Postverzögerungen.
Checkliste: Von der Bewerbung bis zum ersten Tag
- Examensergebnis erhalten und Zeugnis anfordern
- Wunschbundesland und OLG recherchieren (Einstellungstermine, Wartezeiten, Fristen)
- Führungszeugnis beantragen (1-3 Wochen Vorlauf)
- Alle Unterlagen zusammenstellen und beglaubigen lassen
- Online-Bewerbung einreichen (oder postalisch, je nach OLG)
- Vorläufige Zuweisung abwarten (ca. 2-3 Wochen)
- Endgültige Zulassung erhalten (ca. 3 Wochen vor Dienstantritt)
- Krankenversicherung klären (PKV oder GKV, je nach Verbeamtungsstatus)
- Erster Arbeitstag: Einführungsveranstaltung und AG-Zuweisung
Weiterführende Informationen
Wie viel du im Referendariat verdienst und welche finanziellen Aspekte du beachten solltest, erfährst du im Artikel zur Unterhaltsbeihilfe im Referendariat. Einen Überblick über die einzelnen Stationen und deren Ablauf bietet unser Stationen-Überblick. Und wenn du wissen willst, wie sich die Bundesländer im Detail unterscheiden, schau dir unsere Referendariat-Übersichtsseite an.
Fragen & Antworten
4 Antworten aus Podcast-Episoden
Ja, Parallelbewerbungen in mehreren Bundesländern sind grundsätzlich möglich und bei langen Wartezeiten auch sinnvoll. Du musst dich allerdings rechtzeitig entscheiden und die anderen Bewerbungen zurückziehen, sobald du einen Platz angenommen hast. Manche OLGs fragen explizit nach Parallelbewerbungen.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
