Inhaltsüberblick
- Der bundesweite Durchschnitt: Wie viele scheitern wirklich?
- Die Notenverteilung: Von ungenügend bis sehr gut (0–18 Punkte)
- Prädikatsquote: Wie viele schaffen 9+ Punkte?
- Durchfallquoten im Vergleich: Erstversuch vs. Wiederholungsversuch
- Durchfallquoten nach Bundesland: Große Unterschiede
- Antworten auf 3 Fragen aus der Praxis
- Konkrete Tipps unserer Experten aus dem Podcast
Mythos und Realität: Die Durchfallquote im Ersten Staatsexamen
Das Erste Juristische Staatsexamen gilt als eine der härtesten Prüfungen in der deutschen Bildungslandschaft. Kaum ein anderes Studium verlangt den Studierenden über so viele Jahre hinweg eine derartige Konstanz und psychische Belastbarkeit ab. Wenn du dich im Jurastudium befindest, hast du die Schreckensszenarien sicher schon gehört: Leere Hörsäle nach der Zwischenprüfung und die berüchtigte Durchfallquote Erstes Staatsexamen, die wie ein Damoklesschwert über der Examensvorbereitung schwebt. Aber was sagen die Zahlen wirklich aus? Ist die Angst berechtigt, oder handelt es sich um statistische Verzerrungen?
In diesem Artikel werfen wir einen detaillierten Blick auf die aktuelle Jura Durchfallquote, analysieren die Notenverteilung von 0 bis 18 Punkten und zeigen dir, wie groß die Unterschiede zwischen den Bundesländern tatsächlich sind. Unser Ziel ist es, dir eine faktenbasierte Grundlage zu geben, damit du dich weniger von Mythen und mehr von strategischer Vorbereitung leiten lassen kannst. Denn eines vorab: Die Prüfung ist machbar, wenn man das System versteht.
Der bundesweite Durchschnitt: Wie viele scheitern wirklich?
Betrachtet man die bundesweiten Statistiken des Bundesamtes für Justiz, zeigt sich ein konstantes Bild. Die Durchfallquote Erstes Staatsexamen liegt im langjährigen Mittel bei etwa 30 % im Erstversuch. Das bedeutet im Umkehrschluss: Rund 70 % aller Kandidatinnen und Kandidaten bestehen die staatliche Pflichtfachprüfung beim ersten Anlauf. Auch wenn 30 % auf den ersten Blick hoch erscheinen, muss man diese Zahl differenziert betrachten.
Interessant ist dabei die Tendenz der letzten Jahre. Während die Anforderungen inhaltlich eher steigen (Stichwort: Digitalisierung, Europäisierung), bleibt die Quote relativ stabil, mit einer leichten Tendenz nach oben in einigen Bundesländern. Wer das Examen besteht, hat jedoch noch lange nicht gewonnen, denn in der juristischen Welt zählt oft nicht nur das 'Ob', sondern vor allem das 'Wie'.
Die Notenverteilung: Von ungenügend bis sehr gut (0–18 Punkte)
Die juristische Notenskala ist legendär und für Außenstehende oft schwer nachvollziehbar. Während in anderen Studiengängen eine 1,0 (sehr gut) das Ziel ist, kämpfen Juristen oft um die magische 4-Punkte-Grenze zum Bestehen. Hier ist die Verteilung der Noten im staatlichen Teil des Ersten Examens:
- 16–18 Punkte (Sehr gut): Mit ca. 0,1 % der Kandidaten ein absolutes Ausnahmephänomen. Wer hier landet, hat faktisch freie Wahl bei jedem Arbeitgeber weltweit.
- 13–15,99 Punkte (Gut): Ca. 2–3 %. Diese Absolventen gehören zur absoluten Spitze und werden oft direkt von Großkanzleien oder für den Richterdienst angeworben.
- 9–12,99 Punkte (Vollbefriedigend / Prädikat): Ca. 15–18 %. Dies ist das Ziel der meisten Studierenden, da es als Eintrittskarte für prestigeträchtige Berufe gilt.
- 7–8,99 Punkte (Befriedigend): Ca. 25–30 %. Eine solide Note, mit der man in der Verwaltung und in vielen mittelständischen Kanzleien sehr gute Chancen hat.
- 4–6,99 Punkte (Ausreichend): Ca. 25–30 %. Bestanden ist bestanden! Auch mit einem 'Ausreichend' lässt sich eine Karriere starten, auch wenn der Weg in den Staatsdienst dann oft über das Zweite Examen geebnet werden muss.
- 1–3,99 Punkte (Mangelhaft): Ca. 15–20 %. Nicht bestanden. Hier fehlen grundlegende Kenntnisse oder die methodische Sicherheit.
- 0 Punkte (Ungenügend): Ca. 5–10 %. Nicht bestanden. Oft die Folge von abgebrochenen Prüfungen oder schweren methodischen Fehlern.
Diese Notenverteilung Jura zeigt deutlich, dass das Mittelfeld (4 bis 9 Punkte) die absolute Masse der Studierenden abbildet. Ein Prädikat ist selten und wertvoll, aber kein Muss für eine glückliche juristische Karriere.
Prädikatsquote: Wie viele schaffen 9+ Punkte?
Die sogenannte Prädikatsexamen Quote ist für viele die wichtigste Kennzahl. Ein 'Vollbefriedigend' (9 Punkte) oder besser gilt in der Juristerei als Goldstandard. Bundesweit erreichen dies nur etwa 15 bis 20 % der Prüflinge im staatlichen Teil. Wenn man jedoch die universitäre Schwerpunktprüfung dazurechnet (die zu 30 % in die Gesamtnote einfließt), steigt die Quote der Prädikatsjuristen im Gesamtergebnis oft auf 25 bis 35 % an. Dies liegt daran, dass die universitären Prüfungen im Durchschnitt deutlich besser benotet werden als die staatlichen Klausuren.
Durchfallquoten im Vergleich: Erstversuch vs. Wiederholungsversuch
Ein kritischer Punkt in der Staatsexamen Statistik ist der Unterschied zwischen dem ersten Versuch und dem Wiederholungsversuch. Während im Erstversuch ca. 30 % durchfallen, steigt die Jura Durchfallquote bei den Wiederholern oft auf über 50 % an. Warum ist das so? Experten wie Frank Wamser (Folge 114 von 'Irgendwas mit Recht') betonen oft, dass das Scheitern im Erstversuch häufig tieferliegende Ursachen hat, wie etwa eine falsche Lernmethode oder massive Lücken in der juristischen Methodik. Wer diese Fehler im zweiten Anlauf nicht radikal korrigiert, läuft Gefahr, endgültig zu scheitern.
Dennoch gibt es Hoffnung: Sina Lotfipour berichtet in Folge 331, wie man ein Nichtbestehen im Freiversuch als Chance nutzen kann, um sich neu zu strukturieren und am Ende doch noch ein erfolgreiches Examen abzulegen. Es ist wichtig, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern die Fehleranalyse in den Vordergrund zu stellen.
Durchfallquoten nach Bundesland: Große Unterschiede
Die Wahl des Prüfungsortes kann einen erheblichen Einfluss auf die statistische Wahrscheinlichkeit des Bestehens haben. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind teils frappierend:
- Niedrige Quoten: In Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg liegen die Durchfallquoten oft im unteren Bereich (ca. 18–25 %), was jedoch häufig mit einer sehr selektiven Zwischenprüfung im Studium korreliert – hier wird schon früher ausgesiebt.
- Hohe Quoten: In Stadtstaaten wie Berlin oder Hamburg, aber auch in Nordrhein-Westfalen, liegen die Quoten teils deutlich über 30 %, in Spitzenzeiten sogar bei bis zu 40 %.
- Prädikatsquoten: Interessanterweise haben Länder mit harten Prüfungen oft auch eine höhere Quote an Prädikatsexamina, was auf eine stärkere Spreizung der Noten hindeutet.
Diese Unterschiede hängen auch mit der Anzahl der Klausuren zusammen. Während man in NRW oder Hessen oft 6 Klausuren schreibt, sind es in anderen Ländern 7 oder 8. Für mehr Details dazu schau dir unseren Artikel zum Vergleich der Bundesländer an.
Aufbau der Ersten Juristischen Prüfung
Um die Durchfallquote Erstes Staatsexamen zu verstehen, muss man den Aufbau der Prüfung kennen. Die Gesamtnote setzt sich aus zwei Säulen zusammen:
- Staatlicher Pflichtfachteil (70 %): Hier werden 5 bis 8 Klausuren (je 5 Stunden) in den Kerngebieten Zivilrecht, Öffentliches Recht und Strafrecht geschrieben, gefolgt von einer mündlichen Prüfung.
- Universitärer Schwerpunktbereich (30 %): Eine Spezialisierung (z.B. Wirtschaftsrecht, Kriminologie), die meist aus einer Hausarbeit/Seminararbeit und einer Klausur besteht.
Der staatliche Teil ist die eigentliche Hürde. Hier wird nicht nur Wissen abgefragt, sondern die Fähigkeit, unbekannte Fälle unter Zeitdruck methodisch sauber zu lösen. Wie Prof. Dr. Barbara Dauner-Lieb in Folge 60 unseres Podcasts erklärt, ist besonders die mündliche Prüfung eine Chance, die Note noch einmal deutlich zu verbessern, da hier die Argumentationsstärke im Vordergrund steht.
Trends: Werden die Examina schwieriger?
Viele Studierende haben das Gefühl, dass die Klausuren immer komplexer werden. Die Staatsexamen Statistik stützt dies nur bedingt durch die nackten Zahlen, aber die inhaltliche Tiefe hat zweifellos zugenommen. Themen wie das Europarecht oder neue BGH-Rechtsprechung werden heute als Grundwissen vorausgesetzt. Gleichzeitig gibt es einen Trend zur Digitalisierung: Das E-Examen (Schreiben am Laptop) hält in immer mehr Bundesländern Einzug, was die physische Belastung des Handschreibens reduziert, aber die Erwartung an die Strukturierung der Klausur erhöht.
Nach dem Durchfallen: Optionen und Neuanfang
Was passiert, wenn man zur Gruppe der 30 % gehört? Zunächst einmal: Ruhe bewahren. Wenn du im Freiversuch durchgefallen bist, gilt dieser Versuch als nicht unternommen. Du hast also noch zwei reguläre Versuche. Wenn du im regulären Erstversuch gescheitert bist, bleibt dir der Wiederholungsversuch. Wichtig ist hier eine ehrliche Bestandsaufnahme: Lag es an den Nerven, an der Zeitplanung oder an der Methodik? Viele nutzen die Zeit auch, um parallel einen Bachelor of Laws (LLB) abzuschließen, um zumindest einen ersten berufsqualifizierenden Abschluss in der Tasche zu haben. Mehr dazu erfährst du in unserem Ratgeber zum Umgang mit dem Nichtbestehen.
Fazit: Keine Angst vor der Statistik
Die Durchfallquote Erstes Staatsexamen ist eine ernstzunehmende Zahl, aber sie sollte dich nicht lähmen. Wer sich 12 bis 18 Monate strukturiert vorbereitet, regelmäßig den Klausurenkurs besucht und auch auf seine mentale Gesundheit achtet, gehört statistisch gesehen zu den 70 %, die das Jura Examen bestanden haben. Nutze die Ressourcen, die dir zur Verfügung stehen – von Lerngruppen bis hin zu Podcasts wie 'Irgendwas mit Recht', um von den Erfahrungen derer zu lernen, die den Weg bereits erfolgreich gegangen sind.
Fragen & Antworten
3 Antworten aus Podcast-Episoden
Die bundesweite Durchfallquote im Ersten Juristischen Staatsexamen liegt im Erstversuch stabil bei etwa 30 %. In den Wiederholungsversuchen liegt sie jedoch deutlich höher, oft bei über 50 %. Es gibt zudem starke regionale Unterschiede: Während in Bayern die Quoten oft niedriger sind (was auch an einer strengeren Vorauswahl im Studium liegt), verzeichnen Stadtstaaten wie Berlin oder Hamburg teils höhere Quoten. Wichtig ist zu beachten, dass die universitäre Schwerpunktprüfung die Gesamtnote meist verbessert, die 30 % beziehen sich primär auf den staatlichen Pflichtfachteil.
Das sagen unsere Experten
Die Durchfallquote von 30 % ist kein Naturgesetz, sondern oft das Resultat mangelnder Klausurpraxis. Wer den Gutachtenstil perfekt beherrscht und lernt, unbekannte Sachverhalte systematisch zu durchdringen, statt nur Wissen auswendig zu lernen, minimiert sein Risiko massiv. Mentale Stärke am Prüfungstag ist dabei oft genauso wichtig wie das materielle Recht.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
