"Holen Sie Ihre Angehörigen wenn möglich von der mündlichen Prüfung ab. Denn diesen Tag vergisst ein Jurist nie."

Weihnachtsfolge | Fragen an Studierende | FAQ für Angehörige

Folge 196 deines Jura-Podcasts zu Job, Karriere und Examensthemen.

Unser Geschenk zur Weihnachtszeit an Euch! In dieser Folge beantworten wir die häufigsten Fragen Eurer Angehörigen zu Eurem Jurastudium (ob gegenwärtig oder ‘damals’). Also: einfach weitergeben oder selbst reinhören, um eine knackige Antwort parat zu haben. DANKE Euch zudem für ein tolles 2023, es macht Freude und der Podcast lebt von Eurem Feedback. Schönes Zeit und guten Rutsch, Euer IMR Team.

Inhalt:

  • 01:24 Jura vor 50 Jahren
  • 03:18 Juristenfamilie oder nicht?
  • 05:07 Hat man wirklich keine Zeit in der Examensvorbereitung?
  • 11:29 Versagt die Uni nicht, wenn zum Repetitor muss?
  • 15:47 Warum sind 9 von 18 Punkten gut?
  • 22:40 Muss ich noch eine Ausbildung machen um Anwalt oder Richter zu werden?
  • 28:35 Warum sitzen so viele Jurist:innen in Parlamenten?
  • 30:54 Man lernt ja ohnehin nur Gesetze auswendig – oder?
  • 35:53 Warum beantwortet Ihr alle Fragen mit “es kommt drauf an”?
  • 37:29 Juristen auf Parties fragen?
  • 40:04 Nochmals: “Es kommt drauf an”
  • 42:34 Warum kannst du in den Semesterferien nicht arbeiten?
  • 48:13 Man schreibt Klausuren PER HAND?!
  • 51:20 Warum holt man Jurastudierende von der mündlichen Prüfung ab?
  • 52:23 DANKE (!) für ein tolles 2023

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Happy Listening 🎉 und vielen Dank für Euer Feedback! 🙏🏼

Transkript


Marc Ohrendorf 0:01:19
Wow.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:01:19
Ja, genau. Wow.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:01:25
Die Professoren haben andere Vorlesungen gehalten. Der Stoff war einfacher und es war viel weniger Stoff und man hat viel mehr nachgedacht und weniger gelernt. Es hat sich wirklich sehr stark geändert. Insbesondere, wie ich Jura studierte, kam es in allererster Linie darauf an, dass man mithilfe des Gesetzes und seinem eigenen Gehirn Probleme löste. Da war Jura auch noch nicht so ein Fleißfach. Und die Professoren kümmerten sich aber auch gar nicht, was man verstand oder nicht, sondern die trugen vor, was sie gerade wissenschaftlich machten und zur Vorlesung passte. Und das verstand man oder man verstand es nicht, aber man fand sie toll, auch wenn man nichts verstand, das hing an ganz anderen Dingen dran. Aber eine Vorlesung, wo man hineinging und sagte, jetzt weiß ich, wie ich hinterher eine Prüfung mache, das gab es zu meiner Studienzeit eigentlich noch nicht. Sondern das waren wissenschaftliche Gespräche, an denen man teilnehmen durfte, ungeheuer spannend, die einen aber oft auch sehr frustrierten. Mein Mann zum Beispiel 1974 las Kaufrecht und vertragliche Schuldverhältnisse und der gab uns für die sechs Stunden, die ja Vorlesung hielt, in der Woche, pro Woche etwa 20 BGH-Entscheidungen, die wir lesen sollten. Und das sollten wir auch wirklich tun. Und er erwartete auch, dass wir es tun. Das würde man heute einfach nicht mehr machen. Da würde man überlegen, wie die Vorlesung didaktisch aufgebaut ist, was man eigentlich da reinkriegt, was die Studierenden eigentlich mitbekommen. Also man kümmert sich heute viel mehr um die Studierenden. Andererseits verlangt man von ihnen aber unfassbar viel mehr Faktenwissen, als man früher erwartete.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:05:22
Genau. Keinen Sonntag, keinen Abend. Also die Vorstellung ist, man hat einmal in der Woche einen halben Nachmittag, um spazieren zu gehen. Das ist vollkommen übertrieben. Aber die Wahrnehmung ist, dass sich das gesamte Leben in der Examensvorbereitung, die man mit zwölf Monaten, inzwischen aber teilweise mit 18 Monaten ansetzt, man eigentlich rund um die Uhr sich vorbereitet und keinerlei Pausen mehr macht und auch über gar nichts anderes reden will als über das System. Ich halte das nicht für sehr gesund, aber mir hat ein... Eben, emeritierter Professor, mit dem ich am Sonntag gesprochen habe, gesagt, ja, das ist doch immer so gewesen. Das war doch vor 40 Jahren, wie ich Examen gemacht habe, war das doch auch so. Also diese vollständige Fokussierung auf die beiden Examen sind in dieser Form schon befremdlich. Ich kann dir noch ein Beispiel bringen, was mich ungeheuer berührt hat. Ich habe in den Briefen meiner verstorbenen Mutter einen Brief ihrer besten Freundin aus dem Jahr 1948 gefunden. Und diese Freundin ist gerade frisch verlobt und schreibt an meine Mutter, du weißt ja leider, dass der Klaus nicht mitkommen kann zum Faschingsball. Klammer auf, Gott sei Dank, es gibt wieder Faschingsbälle, Klammer zu. Er macht in einem halben Jahr Assessorexamen, Bälle oder Partys kommen da für ihn natürlich überhaupt nicht in Frage. Das heißt, das ist immer so gewesen, dass man den Eindruck hat, naja, also zwölf Monate lang ist jemand weg. Und das ist für Menschen, die nicht aus dieser Community selber kommen, befremdlich.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:09:11
Überhaupt nicht. Das ist einer vielleicht auch der Gründe, warum Juristen traditionell den Anfang des Studiums reichlich easy nehmen. Da kommt es nämlich einfach nur dran, dass man irgendwie durchkommt. Ich sage immer, vier gewinnt, das sind die berühmten vier Punkte zum Bestehen einer Klausur. Vier gewinnt, aber ernsthaft befassen muss man sich nicht damit. Mein Großvater hätte es noch radikaler gesagt, der hat sechs Semester noch studiert, das war sehr früh im 20. Jahrhundert, aber der sagte immer, naja, zwei Semester Chor, zwei Semester Mädchen, zwei Semester Gemf und ein Semester Repetitor. Ich habe nie einen Hörsaal der Universität Göttingen betreten. So, diese Tradition gibt es natürlich so nicht mehr, aber diese Kultur, dass man eigentlich am Anfang es nicht ganz so ernst nimmt, weil es wirklich nur darauf ankommt, dass man durch die Zwischenprüfung kommt, wie auch immer die sich zusammensetzt, dass aber am Schluss sich alles ballt und man dann wirklich alles, was man auch jemals nicht getan hat, plötzlich gefällt. Das ist sehr anstrengend und manchmal denke ich natürlich, den Examenstress, den man diese zwölf Monate zu haben glaubt, der ist zum Teil auch darauf zurückzuführen, dass man vielleicht in den ersten vier Semestern Dinge, die man bei normalen Studium hätte machen können, nicht gemacht hat. Jeder ist anders, aber ich bin der festen Überzeugung, dass wenn man von Anfang an... Wer seriös sich mit dem Stoff befasst, eigentlich die eigentliche Examensvorbereitung nun nicht so dramatisch ist, wie sie von vielen wahrgenommen wird. Aber wenn man natürlich bestimmte Fächer überhaupt noch gar nicht gehabt hat, ist von 0 auf 100 richtig schwer. Eigentlich ist die Examensvorbereitung ja eine Wiederholung und nicht ein Ersterwerb von Fächern, mit denen man sich noch nicht befassen mochte.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:11:54
Das hat ganz unterschiedliche Gründe und zwar jenseits der Tradition. Kleine Vorbemerkung, es ist nicht so, dass wir das einzige Fach sind, das Repetitorium hat. Es gibt Repetitorien vorm Physikum, es gibt in allen Fächern bestimmte Möglichkeiten, nur bei uns ist es so ausgeprägt, weil es so wichtig ist. So, der erste Grund ist ganz evident und liegt in dem Bereich, den du vorne schon angesprochen hast. Das, was im Examen geprüft wird, kommt vom Justizprüfungsamt. Das wird zwar in Abstimmung mit der Universität konzipiert, es ändert aber nichts daran, dass nicht der prüft, der lehrt. Nicht institutionell jedenfalls. Das heißt, das, was wir in der Uni machen. Deckt sich nicht unbedingt mit dem, was geprüft wird. Da war immer eine große Schere. Die Schere war früher noch viel größer, weil früher die Kollegen, Professoren, sich eigentlich nicht so wahnsinnig dafür interessierten, was nun eigentlich in den Examensklausuren kam, weil sie sagten, wir sind Wissenschaftler. Dazu muss man auch sagen, dass früher das Examen eigentlich auch nur wichtig war, zumindest das gute Examen, wenn man in den Staatsdienst wollte. Ich sage immer, die ganzen Anwälte, denen war das, die sowieso wussten, wir gehen in die Anwaltschaft oder wir machen was anderes, die wussten, wir müssen es bestehen. Aber die Tanz um das goldene Kalb der Note war immer schon eine Frage des Staatsdienstes und ist eigentlich auch heute nur deswegen eine Frage der Note geworden, weil die Großpartner der Großkanzleien, die selber nicht die tollen Noten haben, jetzt junge Leute mit den besten Noten haben wollen. Könnte man drüber philosophieren.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:13:43
Das kannst du gerne rausnehmen.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:17:56
Noch viel schlimmer. So, und wir nutzen die Notenskala nie aus. Das kann man, da gibt es nur ein, Ironische Berichte darüber, also es gibt Leute, die sagen, naja, jemand, der selber nie die zwölf Punkte erreicht hat, wird im Mündlichen auch nie mehr als neun Punkte vergeben. Ich glaube aber, dass wir insgesamt tatsächlich eine zu große Ballung im unteren Bereich haben, weil die obere Notenstufe wird überhaupt nicht ausgenutzt. Ist mit der Folge, dass die Differenz zwischen befriedigend und vollbefriedigend haarscharf ist. Das ist im Examen eher eine Glückssache. Also niemand, der wirklich gut ist, geht damit ausreichend Minus raus. Jedenfalls nicht im ersten, im zweiten schon. Außerdem, was ist gut? Also ich könnte als Hochschullehrer und als begeisterte Praktikerin nach 50 Jahren ziemlich gut sagen, wann ein Jurist jedenfalls nicht gut ist und wann er gut ist. Aber das ist in den Punkten nicht so abbildbar, dass man sagt, das stimmt wirklich so, das weiß jeder Jurist. Aber trotzdem bewundern wir natürlich Leute, die mit Doppelgut da sind, dann wissen wir schon, die haben ihr Herz und ihren Kopf über vier Jahre der Examensvorbereitung. Also erst zwei Jahre aufs erste und zwei Jahre aufs zweite. Also die haben sich wirklich dem Klausurenschreiben hingegeben. Das sind oft auch intellektuell sehr scharfsinnige Menschen. Aber wie gesagt, wer vielleicht auch noch was anderes gemacht hat im Studium, wer vielleicht arbeiten musste, der wird mit zweimal voll befriedigend eher kommen. Und das ist eigentlich im Berufsleben auch vollkommen ausreichend. Es zählt gut. Also mein Mann pflichte immer zu sagen, unter Juristen kommt die Note auf den Grabstein. Wir legen da sehr viel Wert drauf. Wir wissen tief im Inneren, wie fragil das System da ist und trotzdem werden das auch zwei 70-Jährige nach fünf Minuten noch gegenseitig kommunizieren, wie ihre Examennoten waren. Ich habe das mit Menschen erlebt, die beruflich alles geschafft haben und mit dem amerikanischen Präsidenten gefrühstückt haben und trotzdem am Tisch dann erwähnen mussten, dass im bayerischen Staatsexamen 1956 die zweite Klausur nicht richtig gelöst war und sie deswegen nur auf Platz 3 statt auf Platz 1 der Liste gelandet sind. Das ist bei uns einfach Kultur. Und das ist immer sehr schwer für Nicht-Juristen zu begreifen, die sagen, die spinnen doch irgendwie. Und wahrscheinlich spinnen wir auch irgendwie, aber das ist bei uns allen trotzdem, das ist drin.
Marc Ohrendorf 0:24:42
Klar.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:25:12
Und man hat ja auch alles kennengelernt. Also in Frankreich ist es anders. Da kommen sie von der Uni und dann müssen sie eine Aufnahmeprüfung machen, ob sie in die Richterschule oder in die Anwaltsschule gehen. Und dann folgt da das, was wir für alle Berufe machen, schon sehr spezialisiert. Das ist ein ganz anderes System. Bei uns ist es so, sie können natürlich trotzdem noch unwahrscheinlich wenig Dinge richtig. Richtig. Das heißt, selber eine Kanzlei aufmachen, direkt nach dem Assessor. Es hat immer wieder mal mutige Leute gegeben, die auch sehr erfolgreich waren, aber das ist natürlich sehr, sehr hart. Also fünf junge Assessoren und Assessorinnen fangen mal morgen an und bauen was auf. Aber auch das hat es gegeben. Klüger ist es natürlich nochmal von einem Älteren zu lernen, aber Voraussetzung ist das nicht. Und was die Richtertätigkeit betrifft, ist es so, da müssen sie aufgenommen werden. Also die Justiz muss ihnen eine Stelle geben. Das ist aber kein Examen, ob sie da reinkommen oder nicht. Die gucken im Wesentlichen auf die Note und ein bisschen, was sie sonst gemacht haben. Aber natürlich werden sie dauernd noch beurteilt. Also in der Justiz bekommen sie in ganz klaren Abständen eine Bewertung ihrer dienstlichen Tätigkeit und sie können dann auch nochmal zur Erprobung an ein höheres Gericht gehen und dann ist das, da sagen wir immer lächelnd, naja das ist schlimmer als zweites Staatsexamen, weil dann wird alles was sie machen nochmal unter dem Blickwinkel des Prüfers, aber eine richtige Prüfung ist das nicht und man muss das auch nicht machen. Bei den Notaren habe ich jetzt gerade wieder festgestellt, die machen schon nochmal sowas wie eine Aufnahmeprüfung. Das heißt, da kommen Assessoren und Assessorinnen und müssen schon nochmal Fälle lösen und einen Vortrag halten. Das ist aber auch keine formale Aufnahmeprüfung, sondern das ist halt eine Bewerbung auf bestimmte freie Stellen. Aber wichtig ist, dass Sie als Assessor, Volljurist, dann endgültig formal alles machen können. Das ist die Befähigung zum Richteramt, mit der Sie arbeiten. Die grundsätzlich alles machen können, was sie möchten und insofern ist das schon ein sehr kostbarer Schatz, diesen Assessor zu haben, weil wir stellen immer wieder fest, ein deutscher Assessor ist dann doch relativ viel wert, auch auf dem internationalen Arbeitsmarkt, da kommt es dann auch gar nicht mehr so auf die Note an, da kommt es darauf an, dass sie geländegängig Englisch können. Aber wenn jemand sagt, der hat das System mit den beiden staatlichen Prüfungen überlebt, schon ziemlich gut. Also das ist schon was, worauf man dann auch stolz sein kann. Man muss ja dann nicht bis zum Lebensende pausenlos nur stolz darauf sein, dass man so tolle Klausuren geschrieben hat, sondern gesagt, ich habe im Berufsleben auch noch was geleistet. Aber bei den meisten ist das ja auch.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:28:10
Also man könnte sich über die Zusammensetzung von Parlamenten natürlich in eigenen Folgen unterhalten. Da sind bestimmte Gesetzmäßigkeiten, die sich aus ganz anderen Faktoren als aus der Ausbildung ergibt. Die Juristen haben sicherlich einen leichten Zugang zur Politik und zur politisch praktischen Arbeit, weil sie natürlich wissen, wie Gesetze funktionieren und Politik besteht eben darin, dass man Ziele dann auch umsetzt in Maßnahmen und dazu bedarf es Regelungen. Und Juristen wissen, wie Regelungen ticken und wie man das macht. Und im Übrigen werden sie natürlich schon sehr früh im Studium über die Vorlesung Staatsorganisationsrecht an das politische Geschehen in einer bestimmten Weise herangeführt. Das werden übrigens Politikwissenschaftler auch. Aber in Deutschland sind es vor allem Juristen, die sich damit befassen. Sehr fokussiert beschäftigen. Es ist in Frankreich übrigens wieder anders. Da geht die Elite in die Sciences Politik, wenn sie in die Politische will, in die ENA oder in die Sciences Po. Und in der Sciences Po machen die Jura, aber nicht wie wir rund um die Uhr, sondern die machen halt Jura und Politikwissenschaften und Soziologie und Volkswirtschaft. Und das Interessante ist, dass es durchaus auch Richter gibt, die nie an einer juristischen Fakultät einer Universität gewesen sind, sondern die aus den großen Schulen kommen, wo sie Jura anders gelernt haben. Das gibt eine etwas größere Diversität des Approach. So, das war jetzt nicht die Antwort auf deine Frage. Also ich glaube, in Deutschland liegt es einfach daran, dass Juristen vom ersten Semester an sich mit Gesetzen befassen und dass die parlamentarische Arbeit eben im Wesentlichen in dem Schaffen von Gesetzen besteht und da fühlen sich Juristen angezogen und kompetent.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:30:21
Also, eigentlich gar nicht. Weil wir eine Tradition haben, die es für jede Problemlösung erlaubt, erstmal ins Gesetz zu schauen. Punkt. Und ich würde nie auf irgendetwas eine juristische Antwort geben, ohne ins Gesetz zu schauen, selbst wenn ich das Gesetz schon tausendmal gesehen habe. Ich habe heute im Hörsaal die Situation gehabt, dass mir plötzlich eine Norm, die ich zu kennen glaubte, als völlig unbekannt entgegensprang. Die hatte noch einen Absatz 2 und dann sage ich, den habe ich noch nie gelesen mit Bewusstsein. So, das ist unsere Tradition. Es gibt aber andere Länder, wo man von den Studierenden und auch später von ihren Anwälten tatsächlich Kenntnis von Gesetzen im Sinne von auswendig kennen verlangt und wo sie bei den Klausuren auch keine Gesetzestexte benutzen dürfen. Wenn Sie keine Gesetzestexte benutzen dürfen, können Sie natürlich nicht arbeiten, wenn Sie die nicht auswendig können. Meiner Meinung nach führt das auch methodisch zu unterschiedlichen Arbeitsweisen, weil wenn Sie die Gesetze angucken dürfen, werden Sie viel genauer mit dem Wortlaut arbeiten, so genau können Sie die nie auswendig lernen. Jetzt muss man das Ganze aber doch etwas insofern relativieren, als man natürlich im Laufe seiner juristischen Arbeit viele Dinge schon auswendig kann, weil man sie so oft gesehen hat. Aber ich habe nie gesehen. Gesetze, Texte von Gesetzen auswendig gelernt. Was wichtig ist, dass man ganz genau weiß, wo sie stehen. Das ist jedenfalls für den deutschen Juristen ganz wichtig, dass wenn er irgendetwas sucht, er sowohl systematisch sagt, das muss ungefähr da sein und er muss die zentralen Hausnummern von allen, die muss er im Kopf haben. Aber richtig auswendig lernen, nein. Was man auswendig, zunehmend leider auswendig lernen muss, Plus sind Definitionen, die die höchstrichterliche Rechtsprechung entwickelt hat, weil man in den Prüfungssituationen gar nicht die Zeit hat, sie sich selber nochmal zu konstruieren, was man übrigens könnte, wenn man die Zeit hätte.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:32:44
In § 242 StGB steht Diebstahlwegnahme und dann muss man wissen, Wegnahme ist der Bruch fremden Gewahrsamen und die Begründung neuen Gewahrsams. Das wird aber jeder bis zum toten Bett auch können, weil er diese Definitionen tatsächlich auch gelernt hat. Insgesamt würde ich immer sagen, ja, man muss heute mehr als früher schon nicht wenig auswendig lernen, aber viel weniger als man denkt. Und es ist viel, viel wichtiger, dass man verstanden hat, wie das System tickt und was da eigentlich im Text steht, als dass man irgendwelche Dinge auswendig kann und die dann relativ unverständlich zusammensetzt. Eigentlich ist es nur eine Zeitfrage. Ich würde für mich in Anspruch nehmen, dass ich so gut wie jedes unbekannte Problem in meinen Fächern mithilfe des Gesetzes bis zu einem bestimmten Punkt lösen kann, wenn ich ausreichend Zeit habe, darüber nachzudenken. Aber wenn ich nur fünf Stunden habe …. Muss ich einfach, um überhaupt bis zum Kern zu kommen, muss ich relativ viel routiniert runterspulen können, ohne nachzugucken. Und das entspricht ein bisschen natürlich auch der Realität, Sie können, wenn Sie in einer Firma arbeiten und auch als Anwalt arbeiten, nicht bei jeder Frage, die ein Mandant an Sie stellt, erstmal sagen, ich brauche jetzt mal eine Stunde nachzulesen. Das tun sie aber in fernen Rechtsgebieten. Und ein seriöser Anwalt oder ein seriöser Syndikus tut gut daran, wenn es dann plötzlich in etwas, was er nicht auf dem Routineschirm hat, zu sagen, wissen Sie, ich werde dazu eine Antwort finden, aber ich brauche jetzt meine halbe Stunde, um mich kundig zu machen. Und nach meiner Erfahrung wird das von seriösen Ingenieuren und Kaufleuten sehr akzeptiert. Es ist keineswegs so, der beste Jurist ist, der immer was zu allen weiß. Das macht die anderen nur misstrauisch. Also wenn jemand immer sofort sagt, weiß ich und dann mal anzuspulen fängt, nach meiner praktischen Erfahrung ist das jemand, wo man sagt, naja, ist der wirklich so schlau oder tut der jetzt so? Also wenn jemand sagt, ich muss noch mal einen Augenblick nachdenken und was nachgucken, kommt das gut über. Aber im Studium machen wir uns schon das Bild desjenigen, der liest und runterrasselt. Ich halte da nicht viel davon, aber es ist nicht ganz zu vermeiden.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:37:02
Das ist das eine, aber das andere ist, meine Lieblingsrückfrage ist immer, was würden Sie denn dazu sagen mit gesunden Menschen? Und wenn dann was kommt, ist es meistens so, dass ich sage, ja, und der Jurist wird auch nichts anderes sagen. Ja. Normalerweise sowieso sich geben würden, auch wenn es gar keine Juristen gäbe. Das stimmt natürlich jetzt nicht im Patentrecht und in irgendwelchen Spezialgebieten. Aber im normalen Vertragsrecht ist es eigentlich... Sind meistens so, dass das, was vernünftig ist, entspricht auch der Rechtslage und das wissen die Menschen auch, die glauben nur, dass das Recht ihnen was gibt, was sie moralisch gar nicht haben dürften. Also insofern, ich beantworte die Frage immer mit einer Gegenfrage oder ich frage sehr genau, was eigentlich passiert ist und ganz selten gebe ich einen Rat. Ich habe heute im Hörsaal gehört, dass mir ein Mitarbeiter sagte, meine Schwester wird heiraten und ihr Bräutigam verlangt Gütertrennung. Und da habe ich ganz spontan geantwortet, dann sollte sie ihn nicht heiraten. Und ich habe recht gehabt. Fünf Jahre später war die Beziehung am Ende. Aber es gibt ganz selten mal Dinge, wo man sagt, so ist es. Aber der Zahnarzt würde ja auch nicht sagen, wenn er die Frage kriegt, da ist ein leises Ziehen am dritten Backenzahn, sondern er würde sagen, haben Sie jetzt Zahnschmerzen? Haben Sie etwas Süßes gegessen? Dann bin ich vielleicht bereit. Im Übrigen sollte man Menschen auf Partys natürlich nicht so, überhaupt nicht so adressen.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:39:38
Und man muss eins hinzufügen, man sollte sich wirklich schüten vor Menschen, die eigentlich nur anwaltliche Beratung sparen wollen. Ich habe auch da immer Lebensweisheiten. Die erste ist, wenn sie irgendetwas haben, was wert ist, sollten sie einen Notar aufsuchen, um ein Testament zu machen und das nicht irgendwie handschriftlich zwischen Küchengarantien verstauen. Das ist das eine. Und zweitens, ein Anwalt wird professionell und prozedural Dinge so aufarbeiten und daran sollte man nicht sparen. Also meine Frage lautet dann immer, möchten Sie, dass ich Ihnen einen guten Anwalt empfehle? Weil da kann natürlich ein Jurist bei aller Vorsicht eher sagen, sie brauchen einen Familienanwalt, Familienrechtsanwalt oder das geht in die und die Richtung, wenn sie wirklich eine Beratung brauchen, könnte ich mir vorstellen. Also ich bin immer sehr zurückhaltend, konkrete Namen zu nennen, aber da kann ein Jurist einem Nicht-Juristen helfen, denn das ist für Nicht-Juristen außerhalb der Wirtschaft wahnsinnig schwer, den Access to Law so hinzukriegen, dass man sagt, ich finde jemand, der sich wirklich kundig und auch bereit um mein Problem kümmert. Da berate ich, wenn es gefragt wird, durchaus mal gerne, wie finde ich jemanden, der sich meiner Themen annimmt, aber selber mache ich das, habe ich auch nie getan, weil ich das einfach zu gefährlich finde, das muss in einem professionellen Rahmen geschehen, also wir reden jetzt nicht von kleinen Antworten, Nein, Verträge können auch mündlich geschlossen werden, bloß weil sie es nicht unterschrieben haben, ist das nicht unbedingt kein Vertrag oder Dissens. Also Leute sagen immer, wir haben Dissens, dann sage ich immer, ist halt das für relativ unwahrscheinlich, dass da ein Dissens ist. Sie haben wahrscheinlich verschiedene Vorstellungen gehabt und dann müsste man genauer gucken, was passiert.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:41:50
Weil Semesterferien keine Ferien sind. Semesterferien werden richtig bezeichnet mit dem Wort vorlesungsfreie Zeit. Das heißt, in den Semesterferien finden keine Lehrveranstaltungen statt, die wöchentlich in bestimmten Rhythmen geplant werden. Aber das Jurastudium ist heute ja sehr viel kürzer als früher, ist so getaktet, dass Sie von Anfang an bestimmte Dinge in den vorlesungsfreien Zeiten unterbringen müssen. Erstens Praktika. Sie haben Pflichtpraktika und das müssen Sie machen und es ist an sich auch anzuraten, sogar ein bisschen mehr zu machen als nur die Pflichtpraktika. Erstens kriegen sie Erfahrung und zweitens ist das gut fürs Vernetzen und für den Arbeitsmarkt. Das zweite ist, dass wir Hausarbeiten und Seminare haben, also größere Arbeiten, vier Wochen, sechs Wochen, wo man sich wirklich sehr gründlich mit bestimmten Fragen beschäftigen muss und diese Zeiten sollten auch sinnvoll genutzt werden und nicht mit was anderem gefüllt werden. Ich rede jetzt nicht von der schwierigen Frage, was mache ich, wenn ich das Geld brauche. Dann muss man es hinkriegen und dann muss man einfach auch überlegen, kriege ich das Studium in der Regelstudienzeit hin, wenn man nebenher richtig berufstätig sein muss. Also wenn man sich wirklich selbst ernähren muss, dann ist das eine ganz große Herausforderung. Aber ich kann daran anknüpfen, mich hat vor 14 Tagen eine Mutter, Nicht-Juristin gefragt. Jetzt sagen Sie mir mal ganz ehrlich, soll ich jetzt meiner Tochter weiter die Wohnung bezahlen oder kann die nicht neben der Referendarzeit auch noch einen Tag zum Anwalt gehen? Und ich habe gesagt, das kommt drauf an. Wir sind wieder beim, das kommt drauf an. Ich habe gesagt, die arbeiten alle nebenher, wenn sie was kriegen und die Guten kriegen was ein bisschen, aber, und jetzt kommt die Antwort, man sollte für das zweite Examen gucken, wie wichtig die Note ist. Wenn man nicht einfach nur bestehen will, muss man auf die Klausuren lernen. Und wenn man auf die Klausuren lernt, kann man nicht gleichzeitig zehn Stunden noch beim Anwalt arbeiten. Dann muss man sehen, wie man sein Zeitbudget hinkriegt. Also wenn sie ihrem Kind zutrauen, dass es nicht nur feiert und Party macht, würde ich immer sagen, okay, geh zum Anwalt, solange du das Gefühl hast, das passt mit allen zusammen und du kannst trotzdem deine Klausuren am Samstag schreiben und hast Sonntag frei. Aber wenn das Arbeiten zu Lasten der Examensvorbereitung geht, ist das vielleicht keine gute Idee. Die war sehr zufrieden und sagte, ja, ich wollte es ja auch nur wissen, ob das jetzt mangelnder Einsatz ist und ob die anderen das nicht machen. Wir können uns das ja leisten, dann machen wir einen halben Zuschuss. Und das fand ich eine ganz vernünftige Erklärung.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:44:55
Ja, das ist…, immer noch die große Ungerechtigkeit, aber das Leben ist ja nicht gerecht. Dass man natürlich eine völlige Chancengleichheit bei aller Förderung nicht herstellen kann. Und natürlich können Eltern, das ist auch eine Frage der Großzügigkeit, aber wenn Eltern es können und sagen, also mir ist das lieber, du wohnst jetzt in Köln, als dann jeden Morgen noch eine Stunde anzufahren. Dann ist das wahrscheinlich ein gutes Investment. Man muss halt wieder sagen, Es kommt auf den einzelnen Fall an, aber wenn mich jemand fragt, warum kann mein Kind jetzt in den Semesterferien nicht arbeiten, dann würde ich oder dann antworte ich immer, ach wissen Sie was, fragen Sie doch mal ganz genau, was in den Semesterferien ansteht und dann werden Sie selber sehen, meistens sind die Kinder ja sehr vernünftig und sagen selber, ich muss jetzt das und das tun und die meisten wollen ja auch ganz gerne arbeiten. Mein Rat ist immer, möglichst fachnah, also eine Stelle in der Uni, auch wenn sie schlechter bezahlt wird, ist wahrscheinlich besser als nächteweise in einem Club arbeiten, wo man dann auch müde ist. Weil wenn man dann sowieso schon in der Nähe der Bücher ist, die relevant sind und wenn man vor allen Dingen in der Nähe von Menschen sind, die einem vielleicht auch mal erzählen können, wie es geht, ist das immer eine gewisse Differenz wert. Aber eigentlich sind die jungen Leute selber sehr verantwortungsvoll. Ich muss wieder sagen, ich habe eine große Bewunderung für diejenigen, die sich wirklich vollumfänglich selber finanzieren müssen. Das ist immer noch ganz, ganz hart. Es ist wirklich hart und wir nehmen da auch zu wenig Rücksicht drauf. Ich glaube, dass die Uni und auch die Referendarzeit da zwar Bemühungen zeigt, aber noch sehr viel flexibler.
Prof. Dr. Dr. h.c. Dauner-Lieb 0:47:30
Ja, das ist zuallererst mal eine Frage der Orga und eine Frage, wie man die Kontrolle sicherstellt. Sie können das ja nicht einfach auf dem eigenen Laptop machen, weil dann können sie auch recherchieren. Ich bin ja ein großer Anhänger der Open-Book-Klausur, aber das haben wir nie wirklich ernsthaft probiert. Also ich bin ja der Meinung, jeder kann nachgucken, was er so schnell findet, wie er es findet. Ich bin auch nicht sicher, dass dann die Noten besser würden, weil zum Suchen und Finden gehört eine Menge juristischer Kompetenz. Aber die müssen feststellen, die müssen genug Computer zur Verfügung stellen und diese Rechner, die da stehen, die Laptops müssen funktionieren. Dann muss das vernünftig gespeichert werden, dann muss das weitergeleitet werden. Ich möchte jetzt nicht ätzen über die Digitalisierung der Justiz, aber das ist ein kompliziertes Vorgang. Ich sag's mal so, die elektronische Akte funktioniert auch noch nicht. Also die geben sich ganz große Mühe, aber das ist nicht ganz trivial und dafür brauchen sie dann auch andere Räume, weil die Leute mit mehr Abständen sitzen müssen und im Massenbetrieb ist das nicht so einfach. Ich bin auch übrigens nicht sicher, ob das so sein wird, dass die Klausuren dann elektronisch an den Korrektor geschickt werden. Ich halte es für möglich, dass die zwischendurch nochmal irgendwie wieder ausgedruckt werden. Also man wird sehen. Jedenfalls, sie stellen jetzt um, aber es ist noch in der Erprobungsphase.
Marc Ohrendorf 0:51:21
Ciao.

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