Inhaltsüberblick
Das 2. Staatsexamen (Assessorexamen) ist das Ziel des gesamten Referendariats — und für viele Referendare eine größere Herausforderung als das 1. Examen. Der Stoff ist praxisnäher, die Klausuren verlangen den Urteilsstil statt des Gutachtenstils, und die Vorbereitung muss parallel zu den Stationen laufen. Je nach Bundesland schreibst du 7 bis 9 Klausuren, dazu kommt die mündliche Prüfung mit Aktenvortrag. In diesem Artikel erfährst du, wie das Examen aufgebaut ist, wie du einen realistischen Lernplan erstellst und welche Strategien sich bewährt haben.
Aufbau des 2. Staatsexamens
Das 2. Staatsexamen besteht aus zwei Teilen:
- Schriftlicher Teil: 7-9 Klausuren (je nach Bundesland), jeweils 5 Stunden lang
- Mündlicher Teil: Aktenvortrag (1 Stunde Vorbereitung, 10-12 Minuten Vortrag) + Prüfungsgespräch (ca. 45-60 Minuten)
Die Gewichtung zwischen schriftlichem und mündlichem Teil variiert: 60:40 bis 70:30 je nach Bundesland. Der schriftliche Teil hat also fast überall das größte Gewicht.
Klausurenanzahl nach Bundesland
Die Unterschiede sind erheblich:
- Bayern: 9 Klausuren — das umfangreichste Examen bundesweit
- Baden-Württemberg: 8 Klausuren (4 Zivilrecht, 2 Öffentliches Recht, 2 Strafrecht)
- NRW: 8 Klausuren
- Die meisten Bundesländer: 8 Klausuren (Berlin, Brandenburg und Saarland: 7 Klausuren)
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Klausurentypen im 2. Examen
Im Gegensatz zum 1. Examen wird im 2. Examen vor allem im Urteilsstil geschrieben. Die wichtigsten Klausurentypen:
Zivilrecht
- Urteilsklausur: Du schreibst ein vollständiges Urteil (Rubrum, Tenor, Tatbestand, Entscheidungsgründe)
- Anwaltsklausur: Aus Anwaltsperspektive — Klageschrift, Klageerwiderung oder Berufungsbegründung
- Kautelarklausur: Vertragsgestaltung — einen Vertrag entwerfen oder überprüfen
- Relationsklausur: Vollständige Darstellung der Sach- und Rechtslage (Relation)
Öffentliches Recht
- Urteilsklausur: Verwaltungsgerichtliches Urteil
- Anwaltsklausur: Klageschrift oder Eilantrag im Verwaltungsrecht
- Behördenklausur/Bescheidklausur: Verwaltungsakt (Erstbescheid oder Widerspruchsbescheid) erstellen
Strafrecht
- Staatsanwaltsklausur/Anklageklausur: Anklageschrift oder Einstellungsverfügung
- Urteilsklausur: Strafurteil mit Beweiswürdigung und Strafzumessung
- Revisionsklausur: Revisionsbegründung oder -entscheidung
Lernplan erstellen: Zeitmanagement während des Referendariats
Die größte Herausforderung: Du musst dich neben den Stationen und den AGs auf das Examen vorbereiten. Realistisch sind neben den Stationen maximal 3 Lerneinheiten pro Woche.
Phase 1: Verwaltungsstation und davor (ab Monat 12)
- AG-Material systematisch durcharbeiten
- Grundschemata und Aufbauschemata für alle Klausurentypen anlegen
- Erste Übungsklausuren schreiben (1-2 pro Monat)
- Ggf. Repetitorium beginnen
Phase 2: Anwaltsstation (Monat 12-21)
- Klausurentempo erhöhen: Mindestens 1 Klausur pro Woche
- Systematische Wiederholung aller drei Rechtsgebiete
- Schwerpunkte identifizieren und gezielt nacharbeiten
- Tauchphase nutzen: 2-3 Monate intensive Vorbereitung
Phase 3: Vor den Klausuren (letzte 3 Monate)
- Pflichtklausurenkurs (in der AG): 12 Klausuren unter Examensbedingungen
- Probeexamen nutzen (falls angeboten)
- Wiederholung der schwächsten Gebiete
- Aktenvortrag üben (mindestens 5-10 Übungsvorträge)
Klausurentraining: Der wichtigste Erfolgsfaktor
Der wichtigste Einzelfaktor für den Examenserfolg ist das Klausurentraining. Die Empfehlung erfahrener Referendare und Prüfer: Mindestens 50-80 Übungsklausuren vor dem Examen geschrieben haben.
In der zweiten Hälfte der Vorbereitungszeit solltest du mindestens eine Klausur pro Woche unter Examensbedingungen schreiben (5 Stunden, ohne Unterbrechung, nur zugelassene Hilfsmittel). Das Nachbesprechen der Klausuren — sei es in der AG, im Klausurenkurs oder in einer Lerngruppe — ist ebenso wichtig wie das Schreiben selbst.
Repetitorium: Kommerzielles Rep oder Selbststudium?
Ein kommerzielles Repetitorium für das 2. Examen kostet ca. 100-200 Euro pro Monat. Es bietet strukturierte Vorbereitung, Review-Zyklen und Klausurentraining.
- Pro Repetitorium: Strukturierte Wiederholung, erzwungener Rhythmus, professionelle Klausurkorrekturen, besonders hilfreich bei Schwächen in Urteilsstil und prozessualen Schemata
- Pro Selbststudium: Flexibler, günstiger, AG-Material oft als Grundlage ausreichend
Viele Referendare nutzen eine Kombination: AG-Material als Grundlage, ergänzt durch einzelne Rep-Module für schwache Gebiete. Das Klausurentraining ist unabhängig vom Vorbereitungsweg der entscheidende Faktor.
Mündliche Prüfung: Aktenvortrag und Prüfungsgespräch
Die mündliche Prüfung besteht aus:
- Aktenvortrag: Du bekommst eine Akte (ca. 15-30 Seiten) und hast 1 Stunde Vorbereitungszeit. Dann trägst du 10-12 Minuten lang den Fall vor und stellst eine Lösung dar. Der Aktenvortrag kommt in allen Bundesländern außer Bayern vor.
- Prüfungsgespräch: Ca. 45-60 Minuten mit 3-4 Prüfern über alle Rechtsgebiete. Typische Themen: aktuelle Rechtsprechung, Fallvarianten, prozessuale Fragen.
Die mündliche Prüfung wird mit 30-40% gewichtet — sie kann eine schwache schriftliche Leistung also durchaus noch retten (oder eine gute verschlechtern).
Zugelassene Hilfsmittel
In den Klausuren darfst du zugelassene Gesetzessammlungen verwenden — typischerweise Schönfelder (Deutsche Gesetze) und Sartorius (Verfassungs- und Verwaltungsgesetze). In einigen Bundesländern sind zusätzliche Hilfsmittel zugelassen. Die genaue Liste veröffentlicht dein Prüfungsamt.
Tipp: Arbeite von Anfang an mit denselben Gesetzessammlungen, die du im Examen verwenden wirst. Markierungen, Post-its und ein System zum schnellen Finden relevanter Normen können in der Klausur entscheidend sein.
Notenskala und Bewertung
Es gilt die bekannte 18-Punkte-Skala:
- Sehr gut (14-18 Punkte): Kommt extrem selten vor (unter 0,5%)
- Gut (11,50-13,99): Prädikatsexamen, öffnet alle Türen
- Vollbefriedigend (9-11,49): Prädikatsexamen, Großkanzlei und Justiz möglich
- Befriedigend (6,50-8,99): Solide, viele Karrierewege offen
- Ausreichend (4-6,49): Bestanden, häufigste Notengruppe
- Nicht bestanden (unter 4): Durchgefallen
Die Prädikatsexamen-Quote (9+ Punkte) liegt bundesweit bei ca. 21,3%. Berechne deine voraussichtliche Note mit unserem Notenrechner für das 2. Staatsexamen.
Prüfungsangst und Stressmanagement
Das 2. Examen steht unter besonderem Druck: Es entscheidet über den gesamten Berufsweg, und die meisten Referendare haben zwei Jahre auf diesen Moment hingearbeitet. Prüfungsangst ist normal und betrifft die Mehrheit.
- Regelmäßiges Klausurentraining reduziert die Angst am meisten — wer 50+ Klausuren geschrieben hat, kennt die Prüfungssituation und wird weniger nervös.
- Lerngruppen helfen gegen Isolation und ermöglichen gegenseitiges Feedback.
- Psychologische Beratung bieten viele Universitäten und Justizprüfungsämter kostenlos an — scheue dich nicht, sie zu nutzen.
- Sport und Ausgleich sind kein Luxus, sondern notwendig für die Konzentrationsfähigkeit.
Verbesserungsversuch: Wann lohnt es sich?
In einigen Bundesländern gibt es die Möglichkeit eines Verbesserungsversuchs (Freischuss) oder eines Notenverbesserungsversuchs. Ob sich ein zweiter Anlauf lohnt, hängt von mehreren Faktoren ab: dem Abstand zur Wunschnote, den Karriereanforderungen und dem zeitlichen Aufwand. Eine Verbesserung um 1-2 Punkte kann karriereentscheidend sein (z.B. von befriedigend auf VB für den Großkanzlei-Einstieg).
Informationen zu den Durchfallquoten und Statistiken findest du im entsprechenden Artikel.
Fragen & Antworten
4 Antworten aus Podcast-Episoden
Die Anzahl variiert je nach Bundesland zwischen 7 und 9 Klausuren. Bayern hat mit 9 Klausuren das umfangreichste Examen, NRW liegt bei 8, Baden-Württemberg bei 8 (4 Zivilrecht, 2 Öffentliches Recht, 2 Strafrecht). Jede Klausur dauert 5 Stunden. Dazu kommt die mündliche Prüfung mit Aktenvortrag und Prüfungsgespräch.
Das sagen unsere Experten
Die häufigste Fehleinschätzung beim 2. Examen: Referendare unterschätzen den prozessualen Anteil. Im 1. Examen war Prozessrecht ein Randthema — im 2. Examen steht es im Zentrum fast jeder Klausur. Urteilsklausuren verlangen ein vollständiges Urteil (Rubrum, Tenor, Tatbestand, Entscheidungsgründe), Anwaltsklausuren erfordern prozessuale Anträge und Strategieüberlegungen. Wer erst 3 Monate vor dem Examen mit Prozessrecht anfängt, hat ein Problem. Starte früh und übe regelmäßig.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
