Inhaltsüberblick
Der Aktenvortrag im Staatsexamen: Struktur, Technik und souveränes Auftreten
Der Aktenvortrag ist der Eröffnungsakt der mündlichen Prüfung im Juristischen Staatsexamen – und für viele Kandidaten der nervenaufreibendste Moment des gesamten Examens. In kurzer Vorbereitungszeit muss ein kompletter Fall erfasst, rechtlich gewürdigt und frei vorgetragen werden. Doch wer die Technik beherrscht und ausreichend geübt hat, kann den Aktenvortrag zu einer echten Stärke machen.
Aufbau und Ablauf des Aktenvortrags
Der Aktenvortrag folgt einem festen Schema, das je nach Rechtsgebiet leicht variiert. Nach einer kurzen Sachverhaltsdarstellung folgt die rechtliche Würdigung mit einem konkreten Entscheidungsvorschlag. Frank Wamser, der als Richter und Prüfungsamtsmitglied tausende Examensvorträge gehört hat, beschreibt in Episode 114 die häufigsten Fehler und was einen überzeugenden Aktenvortrag auszeichnet.
Die typische Struktur eines zivilrechtlichen Aktenvortrags:
- Einleitung: Prozessuale Situation und Verfahrensstand in ein bis zwei Sätzen
- Sachverhalt: Komprimierte Darstellung der wesentlichen Tatsachen
- Rechtliche Würdigung: Anspruchsgrundlagen prüfen, Probleme herausarbeiten
- Ergebnis: Konkreter Entscheidungsvorschlag mit Begründung
- Nebenentscheidungen: Kosten und vorläufige Vollstreckbarkeit
Die Vorbereitungszeit optimal nutzen
Je nach Bundesland stehen für die Vorbereitung des Aktenvortrags 60 bis 90 Minuten zur Verfügung. Der häufigste Fehler: zu viel Zeit mit dem Lesen und zu wenig mit dem Strukturieren des Vortrags verbringen. Richter Jens Milker erläutert in Episode 134 den Aufbau verwaltungsgerichtlicher Verfahren – Wissen, das für den öffentlich-rechtlichen Aktenvortrag unverzichtbar ist.
Eine bewährte Zeiteinteilung für 60 Minuten:
- Erste 15 Minuten: Sachverhalt lesen, Kernproblem identifizieren
- Minuten 15–40: Lösung erarbeiten, Gliederung erstellen
- Minuten 40–55: Stichwortkarten schreiben, Vortrag gedanklich durchgehen
- Letzte 5 Minuten: Puffer für Korrekturen, tief durchatmen
Strafrechtlicher Aktenvortrag: Besonderheiten
Im strafrechtlichen Aktenvortrag gelten spezielle Anforderungen. Der Aufbau orientiert sich an einem Anklagesatz oder Urteilstenor, je nach zugewiesener Rolle. Staatsanwalt Uwe Tetzlaff gibt in Episode 93 Einblicke in den Alltag am Strafgericht – und damit auch in die Denkweise, die Prüfer vom Kandidaten im strafrechtlichen Aktenvortrag erwarten: Präzise Subsumtion, klare Sachverhaltsstrukturierung und ein überzeugender Antrag.
Journalistische Perspektive: Verständlich vortragen
Eine unterschätzte Fähigkeit im Aktenvortrag ist die verständliche Darstellung komplexer Sachverhalte. Frank Bräutigam, der als Journalist am BVerfG und BGH berichtet, beschreibt in Episode 42, wie man juristische Inhalte auf den Punkt bringt. Diese Fähigkeit – das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und klar zu formulieren – ist genau das, was Prüfer im Aktenvortrag sehen wollen.
Übungsstrategie für den Aktenvortrag
Der Aktenvortrag lässt sich hervorragend trainieren:
- Alte Aktenvorträge besorgen: Prüfungsämter veröffentlichen häufig Mustervorträge
- Täglich üben: In den Wochen vor der mündlichen Prüfung jeden Tag einen Vortrag halten
- Feedback einholen: Vor Kommilitonen oder Repetitoren vortragen und sich Kritik geben lassen
- Aufnehmen und anhören: Den eigenen Vortrag aufzeichnen, um Schwachstellen zu erkennen
- Alle Rechtsgebiete abdecken: Zivilrecht, Strafrecht und Öffentliches Recht gleichmäßig üben
Fragen & Antworten
5 Antworten aus Podcast-Episoden
Der Aktenvortrag testet schnelles Erfassen, Priorisieren und freies Präsentieren. In nur einer Stunde musst du rechtliche Kernfragen identifizieren, Entscheidungen treffen, logisch vortragen und dabei souverän auftreten. Stimme, Blickkontakt und Überzeugungskraft gehören deshalb genauso zur Bewertung wie die Dogmatik.
Aus Episode #114
IMR114: 10000 Examensklausuren und Staatsexamen behind the scenes
mit Frank Wamser
Das sagen unsere Experten
„Der Aktenvortrag ist wie ein Elevator Pitch für Juristen: Du musst in kürzester Zeit zeigen, dass du einen Fall erfasst, die Probleme erkannt und eine überzeugende Lösung erarbeitet hast.“
„Im verwaltungsrechtlichen Aktenvortrag musst du die Zulässigkeit und Begründetheit einer Klage in wenigen Minuten durchdeklinieren. Wer das VwGO-Schema im Schlaf beherrscht, hat hier einen riesigen Vorteil.“
„Am Strafgericht erwarte ich vom Aktenvortrag eine klare Sachverhaltsdarstellung, präzise Subsumtion und einen überzeugenden Entscheidungsvorschlag. Langatmige Einleitungen kosten nur Zeit.“
„Bei der Berichterstattung am BGH und BVerfG muss ich täglich komplexe juristische Sachverhalte auf den Punkt bringen. Genau diese Fähigkeit entscheidet auch über den Erfolg im Aktenvortrag.“
„Als Richter und abgeordneter Praktiker sehe ich täglich, wie wichtig strukturiertes Vortragen ist. Die Vielfalt der Justiztätigkeit zeigt sich auch im Aktenvortrag: Ob Zivil, Straf oder ÖR – die Grundtechnik muss sitzen.“
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
Passende Episoden
4 relevante Podcast-Folgen
IMR114: 10000 Examensklausuren und Staatsexamen behind the scenes
mit Frank Wamser
In der heutigen Folge erfahrt Ihr, was Prüfer*innen im Staatsexamen wirklich wichtig ist: Dr. Frank Wamser berichtet von seiner Tätigkeit als Leiter des hessischen Justizprüfungsamts, als Vizepräsident am Landgericht Gießen und in der Landesvertretung des Landes Hessen in der EU in Brüssel. Welche Aufgaben nimmt ein Justizprüfungsamt eigentlich wahr? Wie werden Prüfungen konzipiert und wie lange braucht ein erfahrener Prüfer*innen, um eine Klausur selbst zu lösen bzw. korrigieren? Was ist Prüfer*innen bei der Korrektur wirklich wichtig? Wie könnt Ihr euch mit einfachen Tricks steigern? Ist die Handschrift wirklich so wichtig? Abschließend gibt es noch einige spannende Einblicke in die mündliche Prüfung und in die Ausbildung als Prüfer*in im Staatsexamen. Kurzum: In dieser Folge kommen nicht nur Studierende und Referendar*innen auf ihre Kosten! Viel Spaß!
IMR134: Gerichts-Spezial-2: VwGO, Widerspruchsverfahren, Klageerhebung, Hauptsacheverfahren, Elektronische Akte
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Im zweiten Teil des Gerichts-Spezials mit Dr. Jens Milker dreht sich alles um das Hauptsacheverfahren beim Verwaltungsgericht. Kann die Verwaltungsgerichtsbarkeit auch eröffnet sein, wenn sich Behörden untereinander streiten? Wie wird Klage erhoben – und muss diese vielleicht sogar digital erfolgen? Warum werden trotz aktiven beA-Nutzungszwangs weiterhin digitale Schriftsätze physisch ausgedruckt? Wie sind die verschiedenen Spruchkörper aufgebaut und wann darf ein Einzelrichter entscheiden? Diese Fragen und viele mehr werden euch in dieser spannenden Folge beantwortet. Viel Spaß damit!
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IMR042: Journalismus an BVerfG und BGH | Interview Journalist
mit Dr. Frank Bräutigam
Dr. Frank Bräutigam berichtet in dieser Folge von seinem Beruf als Gerichtsreporter aus Karlsruhe. Er erläutert, wie man Urteile des Bundesverfassungsgerichts und Bundesgerichtshof so zusammenfasst, dass auch ZuhörerInnen ohne juristische Vorbildung nachvollziehen können, worum es ging. Wir unterhalten uns über die Möglichkeit für euch, euer Referendariat beim SWR zu absolvieren und erörtern, welche Auswirkungen Social Media auf modernen juristischen Journalismus hat.
