Inhaltsüberblick
Der Arbeitsalltag als Staatsanwalt: Zwischen Dezernat und Gerichtssaal
Der Staatsanwalt Arbeitsalltag ist geprägt von der einzigartigen Doppelrolle als Ermittler und Ankläger. Als „Herrin des Ermittlungsverfahrens“ steuern Staatsanwältinnen und Staatsanwälte die gesamte Strafverfolgung – von der ersten Anzeige bis zum letzten Wort der Anklage vor Gericht. Der Beruf verbindet analytische Schreibtischarbeit mit dynamischen Gerichtsverhandlungen.
Arbeit im Ermittlungsdezernat
Der Kern der staatsanwaltlichen Tätigkeit ist die Dezernatsarbeit. Jeder Staatsanwalt verantwortet ein eigenes Dezernat mit einer Vielzahl von Verfahren. Die tägliche Arbeit umfasst:
- Aktenprüfung: Sichtung eingehender Strafanzeigen und Ermittlungsberichte der Polizei
- Ermittlungsanordnungen: Anweisungen an die Polizei für weitere Ermittlungsmaßnahmen
- Antragsstellungen: Durchsuchungsbeschlüsse, Haftbefehle und Überwachungsmaßnahmen beim Richter beantragen
- Verfassung von Anklageschriften: Rechtliche Würdigung des Sachverhalts und Formulierung der Anklage
- Verfahrenseinstellungen: Entscheidung über Einstellung bei mangelndem Tatverdacht oder geringer Schuld
Wie Episode 343 betont, unterscheidet sich die eigentliche Dezernatsarbeit erheblich von der Sitzungsvertretung, die Referendare im Praktikum kennenlernen. Die Bandbreite der Fälle und die Verantwortung sind im Dezernat deutlich größer.
Der Sitzungsdienst vor Gericht
Neben der Dezernatsarbeit vertreten Staatsanwälte die Anklage in der Hauptverhandlung. Im Sitzungsdienst präsentieren sie den Sachverhalt, befragen Zeugen und Sachverständige und stellen den Strafantrag. Die Verhandlungsführung erfordert rhetorisches Geschick, schnelle Auffassungsgabe und die Fähigkeit, auf unerwartete Entwicklungen zu reagieren.
Wie Episode 11 schildert, reicht das Spektrum der Sitzungen von routinemäßigen Strafbefehlen bis zu komplexen Verfahren der organisierten Kriminalität, die sich über Wochen erstrecken können.
Zusammenarbeit mit der Polizei
Eine Besonderheit des Berufs ist die enge Zusammenarbeit mit der Polizei. Staatsanwälte leiten die Ermittlungen, die Polizei führt sie operativ durch. Diese Zusammenarbeit erfordert klare Kommunikation, gegenseitigen Respekt und das Verständnis für die jeweiligen Rollen. Wie Episode 329 verdeutlicht, ist gerade bei Kapitalverbrechen wie Mord und Totschlag die Koordination zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei entscheidend.
Spezialdezernate und Schwerpunkte
Mit zunehmender Erfahrung können Staatsanwälte in Spezialdezernate wechseln, die sich auf bestimmte Kriminalitätsbereiche konzentrieren. Wirtschaftskriminalität, Cybercrime, Betäubungsmittelkriminalität oder Kapitalverbrechen bieten jeweils ganz eigene fachliche Herausforderungen. Die Vielseitigkeit innerhalb der Staatsanwaltschaft ist enorm.
Die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Dezernaten und sogar zwischen Staatsanwaltschaft und Richteramt zu wechseln, macht den Beruf besonders attraktiv. Wie Episode 248 zeigt, können die Karrierewege in der Justiz durchaus verschlungen sein und an unerwartete Orte führen – bis hin zur Präsidentschaft des Bundesamts für Justiz.
Fragen & Antworten
12 Antworten aus Podcast-Episoden
Im Referendariat nahm mir die Praxis beider Laufbahnen viele Illusionen. Staatsanwälte waren überlastet, oft alleingelassen; Richter arbeiteten zu isoliert für meinen Geschmack. Ich brauche Teamarbeit, Dialog und Gestaltungsspielraum. Deshalb suchte ich eine Tätigkeit, in der ich juristisch tief arbeite, aber gleichzeitig permanent mit Menschen spreche.
Aus Episode #57
IMR057: Notariat in Hamburg | Interview Notar
mit Dr. Jens Jeep
Das sagen unsere Experten
„Der typische Tag als Staatsanwalt beginnt mit einem Stapel neuer Akten. Man muss priorisieren – wo ist ein Haftbefehl nötig, welche Ermittlungen müssen sofort angeordnet werden? Diese Triage ist eine der wichtigsten Fähigkeiten.“
„Viele Referendare kennen nur die Sitzungsvertretung – die paar Stunden vor Gericht. Die eigentliche staatsanwaltliche Arbeit passiert aber vorher: Ermittlungen leiten, Akten studieren, Anklageschriften schreiben. Das ist der Kern des Berufs.“
„Bei Kapitalverbrechen wird man als Staatsanwältin auch zum Tatort gerufen – manchmal mitten in der Nacht. Man arbeitet dann eng mit der Mordkommission zusammen. Diese Intensität ist einzigartig.“
„Als Staatsanwalt hat man eine besondere Doppelrolle: Man ist einerseits der schärfste Verfolger von Straftaten, andererseits auch der objektivsten Wahrheit verpflichtet. Man muss auch entlastende Umstände ermitteln und berücksichtigen.“
„Die Karrierewege in der Justiz sind vielfältiger, als man denkt. Ich bin von der Staatsanwaltschaft über europäische Institutionen zur Oberstaatsanwältin beim BGH und dann zur Präsidentin des Bundesamts für Justiz gekommen. Jede Station war bereichernd.“
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
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Erfahre im Interview mit Rechtsanwalt Thomas Ackermann, LL.M. alles zu deinem Referendariat. Warum sollte man überhaupt das Referendariat machen, nachdem man das Jurastudium hinter sich gebracht hat? Wie läuft der Anmeldeprozess ab? Wovon lebt man währenddessen? Wie sieht es mit Zuverdienstmöglichkeiten aus? Welche Gesichtspunkte sollte man bei der Wahl seiner Stationen bedenken und warum ist eine Auslandsstation (über das auswärtige Amt oder bei einer Kanzlei) besonders zu empfehlen? Hört selbst:
IMR343: Als Dozent an der Hochschule für Finanzen NRW lehren, Unterschied zwischen Sitzungsvertretung und Praxis als Staatsanwalt, KI in der Steuer-Hausarbeit
mit Marc Radon
In dieser 343. Folge spricht Marc mit seinem Namensvetter Marc Radon über einen ungewöhnlichen Karriereweg innerhalb der Justiz und Finanzverwaltung. Er berichtet von den prägenden Erfahrungen in der Sitzungsvertretung und der Erkenntnis, dass ihn die einsame, aktenzentrierte Arbeit in der Staatsanwaltschaft langfristig nicht erfüllt. Anschließend schildert er den Wechsel in eine Kanzlei im Steuerstrafrecht sowie den Eintritt in die Finanzverwaltung. Heute lehrt er an der Hochschule für Finanzen in Nordrhein-Westfalen, erklärt, wie man Dozent wird und welche Chancen eine Fachhochschulprofessur innerhalb der Finanzverwaltung bietet. Was sollte man über die tatsächliche Arbeit in der Staatsanwaltschaft wissen, bevor man sich dafür entscheidet? Welche Möglichkeiten eröffnet die Finanzverwaltung für Juristinnen und Juristen jenseits des klassischen Finanzamtsklischees? Wie plant man einen Weg in die Lehre und perspektivisch eine Professur an einer Fachhochschule für Finanzen? Und wie sinnvoll ist der Einsatz von KI in Studium und Praxis wirklich, wenn man langfristig ein fundiertes juristisches Verständnis aufbauen möchte? Antworten auf diese und viele weitere Fragen erhaltet ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!
IMR140: Gerichts-Spezial-3: Abgeordneter Praktiker als Richter, Vielfalt der Justiztätigkeit
mit Simon Pschorr
Heute zu Gast: Simon Pschorr. Simon berichtet von seiner juristischen Ausbildung, die ihn in das schöne Konstanz verschlug. Im Anschluss war er als Richter und Staatsanwalt tätig. Heute arbeitet er an der Uni Konstanz als abgeordneter Praktiker, eine seltene Tätigkeit und sozusagen Mischform zwischen Hochschuldozent und Richter. Folglich kann Simon die Tätigkeit in der Justiz aus vielseitigen Perspektiven beleuchten und liefert Euch wertvollen Input für Eure Entscheidungsfindung. Welche Faktoren waren für ihn entscheidend, um sich für eine Justizkarriere zu entscheiden? Wie nahm er die Tätigkeit als Staatsanwalt im Gegensatz zum Richtersein wahr? Wie kam er dazu, sich im Anschluss dennoch in Richtung Universität und Lehre zu orientieren? Dies und vieles mehr in der heutigen Folge von IMR. Viel Spaß!
