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Freischuss-Strategie: So planst du dein Staatsexamen richtig

Entdecke die optimale Freischuss-Strategie für dein Jura-Staatsexamen. Experten-Tipps aus über 300 Podcast-Folgen helfen dir bei Planung und Vorbereitung.

6 Fragen beantwortet
Marc OhrendorfVon Marc Ohrendorf · Aktualisiert Januar 2026

Inhaltsüberblick

Der Weg zum Prädikat: Warum die Freischuss-Strategie über deine Karriere entscheidet

Stehst du kurz vor der Entscheidung, ob du den Freischuss wagen sollst? Im Jurastudium ist die sogenannte Freischuss-Strategie weit mehr als nur ein „kostenloser Versuch“. Sie ist ein psychologisches und strategisches Instrument, das den Grundstein für deine gesamte berufliche Laufbahn legen kann. Wer den Freischuss – also den Examensantritt nach dem achten Fachsemester – erfolgreich nutzt, verschafft sich nicht nur die Sicherheit eines frühen Abschlusses, sondern auch die Freiheit für einen risikofreien Verbesserungsversuch. In einer Welt, in der Großkanzleien Einstiegsgehälter von bis zu 180.000 € zahlen, ist das Erreichen der Prädikatsgrenze oft der entscheidende Faktor. Doch wie plant man diesen Schritt richtig? In unserem Podcast „Irgendwas mit Recht“ haben wir mit zahlreichen Experten gesprochen, die ihre ganz persönlichen Erfahrungen geteilt haben.

Routine als Schlüssel zum Erfolg

Ein wesentlicher Aspekt der Freischuss-Strategie ist die mentale und handwerkliche Vorbereitung. Dr. Susanne Friedrich berichtet in Episode 327 ▶ 4:31, wie ihr die praktische Arbeit im Finanzamt half. Durch das tägliche Schreiben umfangreicher Veranlagungen verlor sie die Scheu vor komplexen Sachverhalten. Diese Routine, juristische Probleme unter Zeitdruck schriftlich zu lösen, war für ihren Freischuss in Münster entscheidend. Es zeigt sich: Wer das Examen als „reine Übungssache“ begreift und die Klausurroutine frühzeitig internalisiert, geht mit einem massiven Vorteil in die Prüfung.

Motivation und Timing: Der Schwerpunkt als Anker

Nicht für jeden ist der Freischuss der einzig wahre Weg. Max Lieb erklärt in Episode 68 ▶ 6:24, dass für ihn der Freischuss irgendwann nicht mehr realistisch war. Er entschied sich stattdessen, den Schwerpunkt vorzuziehen. Diese Strategie bot ihm die nötige Abwechslung und neue Motivation durch Themen wie Kapitalmarkt- und Aktienrecht, bevor er sich in die „trockene“ Examensphase stürzte. Dies unterstreicht, dass eine gute Freischuss-Strategie auch bedeuten kann, flexibel auf die eigene Lernsituation zu reagieren und den Spaß an der Rechtswissenschaft nicht zu verlieren.

Das Examen als Eintrittskarte zur Freiheit

Für viele Studierende ist das Examen auch eine Frage der persönlichen und beruflichen Freiheit. Anastasia Dressler betont in Episode 251 ▶ 1:25, dass ihr Anspruch von Anfang an der Freischuss mit Prädikat war. Für sie war die Bestnote kein Selbstzweck, sondern die notwendige Eintrittskarte für eine Karriere in Deutschland und ein sicheres Visum. Diese Zielstrebigkeit zeigt, dass der Freischuss oft als Hebel genutzt wird, um frühzeitig Planungssicherheit für den weiteren Lebensweg zu gewinnen.

Nach dem Freischuss: Den Fuß vom Gas nehmen

Was passiert, wenn der Freischuss geschafft ist? Dr. Tassilo du Mesnil nutzte die gewonnene Zeit nach seinem frühen Examen für eine Weltreise und eine anschließende Promotion, wie er in Episode 247 ▶ 1:46 schildert. Die Freischuss-Strategie ermöglicht es also nicht nur, fachlich zu glänzen, sondern schafft auch wertvolle Freiräume für die persönliche Entwicklung und akademische Vertiefung, bevor der Ernst des Referendariats beginnt.

Systemverständnis statt Auswendiglernen

Abschließend ist die Wahl der Vorbereitung entscheidend. Ernst von Münchhausen verdeutlicht in Episode 34 ▶ 8:32, dass es nicht auf die Dauer, sondern auf die Tiefe des Verständnisses ankommt. Er nutzte ein intensives, dreimonatiges Training bei einem privaten Repetitor, um das juristische Gesamtsystem zu durchdringen. Erst als die Verzahnung von Zivil-, Straf- und Öffentlichem Recht klar war, wagte er den Freischuss – ein Beweis dafür, dass Qualität vor Quantität geht.

Fragen & Antworten

6 Antworten aus Podcast-Episoden

Im Finanzamt schrieb ich täglich umfangreiche Veranlagungen und war durch die Fachhochschule an permanente Klausuren gewöhnt. Diese Routine, knifflige Sachverhalte in kurzer Zeit schriftlich zu lösen, übertrug ich eins-zu-eins aufs Examen. So fiel die mentale Hürde, und der Freischuss lief überraschend glatt – reine Übungssache.

IMR327: Finanzämter managen und modernisieren, ihre Rolle im Staat, Steuer-CDs, CumEx-Verfahren, Digitalisierung im Finanzamt, Pilotprojekt automatische Steuererklärung

Aus Episode #327

IMR327: Finanzämter managen und modernisieren, ihre Rolle im Staat, Steuer-CDs, CumEx-Verfahren, Digitalisierung im Finanzamt, Pilotprojekt automatische Steuererklärung

mit Dr. Susanne Friedrich

Das sagen unsere Experten

Die Entscheidung für oder gegen den Freischuss ist individuell, doch die Erfahrungen erfolgreicher Juristen zeigen klare Muster. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse aus unseren Gesprächen:

Im Freischuss hat das viel besser geklappt, als ich gedacht habe. [...] Diese Routine, knifflige Sachverhalte in kurzer Zeit schriftlich zu lösen, übertrug ich eins-zu-eins aufs Examen.

Die Analyse von Dr. Friedrich macht deutlich: Die Angst vor dem Examen lässt sich durch praktische Routine besiegen. Wer bereits im Studium oder durch Nebentätigkeiten lernt, Gutachten professionell und zügig zu erstellen, reduziert den Stress am Prüfungstag erheblich. Der Freischuss wird so zu einer weiteren „Übungsklausur“, nur mit echtem Einsatz.

Und mein Anspruch war natürlich, Freischuss zu machen. Mein Anspruch war halt, [Topnoten zu erzielen, um berufliche Freiheit zu haben].

Anastasia Dressler verdeutlicht die strategische Komponente. In einem kompetitiven Arbeitsmarkt, in dem Top-Boutiquen und Großkanzleien (wie Milbank oder Kirkland & Ellis) Einstiegsgehälter von bis zu 180.000 € bieten, ist der Freischuss das ideale Werkzeug, um frühzeitig zwei Versuche auf das Prädikat zu haben. Es geht um Risikominimierung auf höchstem Niveau.

Und habe dann auch, da wurde zum ersten Mal in meinem Jahrgang Freischuss eingeführt. [Drei Monate intensives Training reichten, um das Gesamtsystem zu verstehen].

Münchhausens Erfahrung zeigt, dass die Freischuss-Strategie eine steile Lernkurve erfordert. Es geht nicht darum, jedes Detail zu kennen, sondern die Systematik des Rechts zu beherrschen. Wer die Strukturen versteht, kann auch unbekannte Sachverhalte im Freischuss souverän lösen.

War mein Ziel, den Freischuss zu schreiben, sodass ich mich auch nicht ins Ausland quasi getraut habe.

Friederike Evers spricht einen kritischen Punkt an: Die Opportunitätskosten. Eine strikte Freischuss-Strategie kann dazu führen, dass man auf wertvolle Erfahrungen wie ein Erasmus-Semester verzichtet. Hier gilt es abzuwägen: Ist die Zeitersparnis wichtiger als der Blick über den Tellerrand? Heute rät sie dazu, Auslandserfahrungen nicht für den Freischuss zu opfern, da internationale Kompetenz in der modernen Rechtswelt ebenso viel wert sein kann wie ein früher Abschluss.

Zusammenfassende Handlungsempfehlung

Nutze den Freischuss, wenn du dich durch eine solide Klausurroutine sicher fühlst. Er ist das perfekte Sicherheitsnetz. Solltest du jedoch merken, dass deine mentale Gesundheit oder deine Lust am Fach unter dem Zeitdruck leiden, ist es keine Schande, den Plan anzupassen. Ein Prädikat im 10. Semester ist am Ende wertvoller als ein „Ausreichend“ im 8. Semester.

Vertiefung: Freischuss-Strategie im Detail

Die Freischuss-Strategie ist im Kern eine Risiko-Management-Strategie. In Deutschland bieten fast alle Bundesländer die Möglichkeit, das erste Staatsexamen nach dem achten Semester als „Freiversuch“ zu werten. Das bedeutet: Wer nicht besteht, wird so gestellt, als hätte die Prüfung nicht stattgefunden. Wer besteht, darf zur Notenverbesserung erneut antreten.

Der monetäre Wert des Freischusses

Warum ist das so wichtig? Die Gehaltsstrukturen im juristischen Markt sind stark zweigeteilt. Während im öffentlichen Dienst (R1-Besoldung) ein Einstiegsgehalt von ca. 55.000 € bis 62.000 € (brutto) üblich ist, was durch die Pensionsansprüche einem Privatwirtschafts-Gehalt von ca. 75.000 € entspricht, liegen die Spitzengehälter in Großkanzleien bei 140.000 € bis 180.000 €. Um in diese Gehaltsklassen vorzustoßen, ist ein Prädikat (9 Punkte oder mehr) fast immer Voraussetzung. Die Freischuss-Strategie verdoppelt deine Chance auf dieses Prädikat.

Psychologische Vorteile

Wie Max Lieb in Episode 68 andeutet, kann der Druck des Freischusses jedoch auch kontraproduktiv wirken. Eine erfolgreiche Strategie beinhaltet daher immer auch Pufferzeiten. Viele Studierende nutzen das siebte und achte Semester für ein intensives Repetitorium. Ernst von Münchhausen Episode 34 zeigt jedoch, dass auch kürzere, aber fokussiertere Vorbereitungszeiten zum Erfolg führen können, wenn das Systemverständnis im Vordergrund steht.

Wann man vom Freischuss abweichen sollte

Die Erfahrung von Friederike Evers Episode 66 ist eine Warnung vor zu viel Tunnelblick. Wenn der Freischuss dazu führt, dass wichtige Lebensstationen wie ein Auslandsaufenthalt gestrichen werden, kann dies langfristig die Karrierechancen in internationalen Kanzleien mindern. Ein LL.M. oder Auslandserfahrung wird oft ebenso geschätzt wie ein schnelles Examen. Eine moderne Freischuss-Strategie sollte daher immer die individuelle Lebensplanung und die angestrebten Benefits (wie Work-Life-Balance oder internationale Arbeit) berücksichtigen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Freischuss ist ein mächtiges Werkzeug, erfordert aber Disziplin, eine gute Klausurroutine (siehe Susanne Friedrich Episode 327) und den Mut, die eigene Strategie an die persönlichen Ziele anzupassen.

Über den Autor

Marc Ohrendorf

Marc Ohrendorf

Gründer, Irgendwas mit Recht

Marc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.