Inhaltsüberblick
Der Meilenstein Zweites Staatsexamen: Mehr als nur eine Prüfung
Du hast das Erste Staatsexamen in der Tasche, die Erleichterung war groß, doch nun stehst Du vor der nächsten lebensverändernden Entscheidung: Sollst Du das Referendariat antreten und das Zweite Staatsexamen absolvieren? In der Welt von „Irgendwas mit Recht“ haben wir über 300 Episoden lang mit Expertinnen und Experten gesprochen, die genau an diesem Punkt standen. Die Relevanz dieser Qualifikation ist für Deine juristische Karriere kaum zu überschätzen, denn sie transformiert Dich von der „halben Juristin“ oder dem „halben Juristen“ zur vollqualifizierten Fachkraft mit der Befähigung zum Richteramt.
Doch der Weg ist kein Selbstläufer. Wie Emily Büning in Episode 85 eindrucksvoll schildert, war es der Rat ihres Vorgesetzten, der ihr klarmachte: Ohne das Zweite bleibst Du beruflich oft eingeschränkt. Es geht dabei nicht nur um den formalen Titel, sondern um die langfristige Flexibilität auf dem Rechtsmarkt. Ob Du später in die Politik, in eine Kanzlei oder in ein Ehrenamt möchtest – das Zweite Staatsexamen ist der Generalschlüssel, der Dir Türen öffnet, die sonst verschlossen blieben. Dabei zeigt sich in unseren Gesprächen immer wieder: Es gibt nicht den einen richtigen Zeitpunkt. Während einige direkt durchstarten, nutzen andere die Zeit nach dem Ersten Examen für eine Promotion, wie Dr. Timm Gaßner in Episode 285 berichtet. Er entschied sich, erst die „Pflicht“ der beiden Examina zu erfüllen, um danach mit dem Rückenwind des Volljuristen-Status seine Dissertation im Aktienrecht anzugehen.
Strategische Vorteile und neue Perspektiven
Ein wesentlicher Aspekt, der oft unterschätzt wird, ist die Kombination des juristischen Fachwissens mit anderen Kompetenzen. Valerie Keilhau verdeutlicht in Episode 188, wie wertvoll es sein kann, das Zweite Staatsexamen mit wirtschaftlichem Know-how zu verknüpfen. Ihr Weg über das Bayreuther Modell zeigt, dass die Doppelkompetenz aus Jura und BWL im modernen Rechtsmarkt – etwa in der Geschäftsführung von Verbänden oder im Legal Tech Bereich – extrem gefragt ist. Wer Sachverhalte nicht nur juristisch analysieren, sondern auch betriebswirtschaftlich einordnen kann, sichert sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Gleichzeitig gibt es heute Stimmen, die das klassische Modell hinterfragen. In Episode 335 erklärt Willy Kleinoth, warum er sich bewusst gegen das Zweite Staatsexamen entschied, um sofort in die Praxis der Legal Innovation einzusteigen. Dies zeigt: Der Rechtsmarkt wird diverser. Dennoch bleibt das Zweite Staatsexamen für klassische Wege unerlässlich. Julia Schubring-Giese betont in Episode 307, dass die zusätzliche Qualifikation eine Unabhängigkeit verleiht, die gerade in Krisenzeiten oder bei einer beruflichen Neuorientierung Gold wert ist. Ob im Konzern oder in der Justiz – die Sicherheit, „Volljurist“ zu sein, ist ein psychologischer und praktischer Anker.
Was Dich im Referendariat erwartet
- Praxisnahe Ausbildung: Immanuel Drewes beschreibt in Episode 311, wie Referendare schrittweise an die Prozesspraxis herangeführt werden – von den ersten Gerichtsbesuchen bis zur eigenständigen Sitzungsvertretung.
- Vielfältige Stationen: Ob Verwaltung, Gericht oder Anwaltschaft – Du lernst die verschiedenen Akteure des Rechtssystems kennen. Pascal Bayer etwa fand seinen Weg in die Kommunalverwaltung nach dem Zweiten Staatsexamen, wie er in Episode 328 berichtet.
- Karriere-Sprungbrett: Das Examen entscheidet über den Zugang zum Notariat oder zum Richteramt. Azamat Karimov erläutert in Episode 152, dass für die Bestellung zum Notar die Note des Zweiten Staatsexamens eine zentrale Rolle spielt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Zweite Staatsexamen ist eine Herausforderung, die Disziplin fordert, aber eine Freiheit schenkt, die Du Dein gesamtes Berufsleben lang genießen wirst. In den folgenden Abschnitten vertiefen wir diese Einblicke mit konkreten Experten-Tipps.
Fragen & Antworten
30 Antworten aus Podcast-Episoden
Das Bayreuther Modell erlaubte mir, parallel zum ersten Staatsexamen betriebswirtschaftliche Scheine abzulegen. Ich erhielt Einblicke in Kennzahlen, Marketing und Rechnungswesen, ohne ein zweites Studium zu beginnen. Diese Doppelkompetenz öffnete mir später Türen, weil ich Sachverhalte juristisch analysieren und zugleich betriebswirtschaftlich einordnen konnte.
Aus Episode #188
IMR188: Geschäftsführung Legal Tech Verband, Digitalisierung der Justiz, Neue Geschäftsmodelle, Rechtsmarkt
mit Valerie Keilhau
Das sagen unsere Experten
Die Entscheidung für oder gegen das Zweite Staatsexamen sowie die Strategie während des Referendariats prägen Deinen weiteren Weg. Unsere Gäste aus dem Podcast geben wertvolle Orientierungshilfen, die auf jahrelanger Erfahrung basieren.
Mein GIZ-Vorgesetzter sagte klar: „Mit nur einem Examen bist du halbe Juristin.“ Sein Rat, mein Berliner Engagement und der Wunsch, mir noch Zeit fürs Ehrenamt zu verschaffen, gaben den Impuls. Das zweite Examen eröffnet langfristig mehr Optionen.
Die Aussage von Emily Büning unterstreicht ein klassisches Dilemma: Die Ungeduld, endlich arbeiten zu wollen, gegen die langfristige Sicherheit. Wer das Zweite Staatsexamen absolviert, schließt die Ausbildung ab und vermeidet die „Gläserne Decke“, die für Wirtschaftsjuristen oder Diplom-Juristen in vielen traditionellen Bereichen noch immer existiert.
Als die Chance kam, bei Greenberg Traurig ein Legal-Innovation-Team aufzubauen, wollte ich sofort praxisnah wirken. Zwei weitere Examensjahre hätten mich gebremst. Stattdessen sammle ich echte Projekterfahrung, studiere parallel einen MBA und lerne täglich.
Willy Kleinoth bietet hier die Gegenperspektive. In hochspezialisierten Nischen wie Legal Tech oder Kanzleimanagement zählt Praxiserfahrung oft mehr als der formale Titel. Dies erfordert jedoch Mut und eine klare Vision für den eigenen Karrierepfad außerhalb der klassischen Robenberufe.
Das zweite Staatsexamen hält mir alle juristischen Türen offen, auch Kanzleiwege. Im Konzern braucht man es zwar nicht zwingend, aber die zusätzliche Qualifikation verleiht mir Unabhängigkeit, falls ich mich doch noch einmal umorientieren möchte.
Die „Unabhängigkeit“ ist ein zentrales Motiv. Julia Schubring-Giese macht deutlich, dass das Zweite Staatsexamen eine Versicherungspolice für die eigene Karriere ist. Wer weiß heute schon, ob er in 20 Jahren noch im selben Bereich arbeiten möchte? Mit dem Zweiten Staatsexamen ist der Wechsel zurück in die Anwaltschaft oder Justiz jederzeit möglich.
Ich wollte erst die Pflicht erledigen: beide Staatsexamina. Danach wusste ich genauer, wohin ich fachlich will und konnte meine Dissertation gezielt im Aktienrecht anlegen. Gleichzeitig ermöglichte mir das zweite Examen, als Teilzeit-Associate bei Noerr Geld zu verdienen.
Dr. Timm Gaßner zeigt einen pragmatischen Weg auf: Erst das Fundament legen, dann die Spezialisierung durch Promotion oder LL.M. folgen lassen. Das Zweite Staatsexamen ermöglicht es zudem, während der Promotion bereits als Rechtsanwalt (in Teilzeit) zu arbeiten und wertvolle Berufserfahrung in einer Großkanzlei zu sammeln.
Handlungsempfehlung für Dich
Wäge ab, wo Deine Leidenschaft liegt. Wenn Du die klassischen juristischen Berufe (Richter, Staatsanwalt, Notar, Rechtsanwalt) anstrebst, führt kein Weg am Zweiten Staatsexamen vorbei. Nutze das Referendariat, um in verschiedene Bereiche hineinzuschnuppern. Wenn Du jedoch in die Schnittstelle von Technologie und Recht möchtest, kann ein alternativer Weg wie der von Willy Kleinoth sinnvoll sein – sei Dir jedoch der Konsequenzen für spätere Wechsel bewusst.
Vertiefung: Zweites Staatsexamen im Detail
Das Zweite Staatsexamen ist nicht nur eine Fortsetzung des Ersten, sondern eine radikale Umstellung auf die praktische Falllösung aus der Sicht des Entscheiders (Richter, Behörde) oder des Beraters (Anwalt). Während im Ersten Examen das materielle Recht im Vordergrund steht, kommt im Zweiten das Prozessrecht (ZPO, StPO, VwGO) sowie die Methodik der Urteils- und Schriftsatzentwürfe hinzu.
Karrierepfade und finanzielle Realitäten
Die Wahl Deines Weges nach dem Zweiten Staatsexamen hat massive Auswirkungen auf Dein Einstiegsgehalt. Basierend auf aktuellen Marktdaten (Stand 2024/2025) ergeben sich folgende Perspektiven:
- Großkanzleien: Hier winken Spitzengehälter zwischen 126.000 € und 180.000 €. US-Kanzleien wie Skadden oder White & Case liegen oft am oberen Ende dieser Skala.
- Öffentlicher Dienst: Als Richter oder Staatsanwalt steigst Du in der Besoldungsgruppe R1 ein (ca. 55.000 € bis 65.000 € brutto). Durch die Verbeamtung ist das Nettogehalt jedoch oft vergleichbar mit Kanzleigehältern um die 75.000 €.
- Unternehmen: Syndikusrechtsanwälte starten meist zwischen 60.000 € und 85.000 €, wobei große Konzerne mit Tarifbindung deutlich mehr zahlen können.
Spezialwege: Notariat und EU-Anerkennung
Ein besonderer Weg ist das Anwaltsnotariat. Azamat Karimov erklärt in Episode 152, dass nach dem Zweiten Staatsexamen eine fachspezifische Prüfung (das „Dritte Examen“) sowie fünf Jahre Berufspraxis nötig sind. Die Bestenauslese basiert hier maßgeblich auf der Note des Zweiten Staatsexamens. Für Juristen aus dem EU-Ausland gibt es zudem Wege zur Gleichstellung: Zoi Michalopoulou beschreibt in Episode 61, dass eine Eignungsprüfung, die dem anwaltlichen Teil des Zweiten Staatsexamens entspricht, den Zugang zur deutschen Anwaltschaft ermöglicht.
Die Zukunft der Ausbildung
Die Kritik am aktuellen System reißt nicht ab. In Episode 62 diskutieren Jens Jeep und Felipe Molina Reformmodelle, wie etwa die Abschaffung des Zweiten Staatsexamens zugunsten eines einstufigen Modells mit integriertem Bachelor und Master. Doch solange diese Reformen Zukunftsmusik sind, bleibt das Zweite Staatsexamen der Goldstandard der deutschen Juristenausbildung. Es schult die Fähigkeit, unter hohem Druck komplexe Lebenssachverhalte rechtlich sicher zu bewerten – eine Kompetenz, die Dich in jedem Berufsfeld auszeichnet.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
Passende Episoden
30 relevante Podcast-Folgen
IMR339: KI verändert Pricing, Technologie und zweites Staatsexamen, Kanzleien als Plattform
mit Dr. Hariolf Wenzler
Hariolf Wenzler vom CLP der Bucerius Law School und Marc erörtern, wie KI Pricing, Geschäftsmodelle und Teamstrukturen verändert und warum Golfsets das bessere Bild liefern als Tennisschläger. Das Gespräch zeigt Wege für Studierende, Referendare und junge Anwälte, zusätzliche Skills zu erwerben und interdisziplinär zu arbeiten. Wie entsteht eine vertrauensvolle Plattform für Project Management, Marketing und Finance? Bleibt das zweite Examen unverzichtbar? Antworten auf diese und viele weitere Fragen erhaltet Ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!
IMR205: Kanzleimanagement, the Business of Law, 2. Examen ja oder nein?
mit Dr. Hariolf Wenzler
In Folge 205 von Irgendwas mit Recht ist Hariolf Wenzler zu Gast, CEO von YPOG. Was bedeutet es, als BWLer eine moderne Kanzlei zu managen? Wie verändern sich Kanzleien mit Blick auf Führung und Technologie in den letzten Jahren? Inwieweit werden Soft-Skills, gutes Teamwork und effiziente Kommunikation wichtiger? Warum ist aus Hariolfs Sicht das Investment in das eigene Netzwerk das Wichtigste, was man am Anfang seiner Karriere tun kann? Braucht man aktuell sowie in Zukunft noch ein zweites Staatsexamen? Antworten auf diese und viele weitere Insights gibt’s in dieser IMR-Folge. Viel Spaß!
IMR181: Diversity-Consulting, Antidiskriminierungsrecht, Verfassungsbeschwerde als Referendarin
mit Dr. Asmaa El Idrissi
In Folge 181 von Irgendwas mit Recht ist Dr. Asmaa El Idrissi zu Gast. Asmaa ist Diversity-Beraterin für führende Unternehmen und Professional Service Firms und echte Expertin im Bereich des Antidiskriminierungsrechts. Im Podcast berichtet Asmaa von ihrer Klage sowie anschließenden Verfassungsbeschwerde gegen die Referendar:innenausbildung in Hessen. Anschließend beleuchten wir die Frage, warum man für eine erfolgreiche Karriere vielleicht doch kein zweites Staatsexamen braucht und hören von Asmaa, inwieweit wir uns insgesamt mehr mit Antidiskriminierungsrecht beschäftigen sollten. Sehr inspirierend, tiefgründig und kurzweilig. Viel Spaß!
IMR328: Jurist bei der Stadtverwaltung, Master in Speyer, Studium als Erstakademiker, Entscheidung gegen Großkanzlei, Förderrichtlinie schreiben
mit Pascal Bayer
Diese 328. Episode von IMR widmet sich dem Berufsweg von Pascal Bayer, Volljurist im Rechtsamt der Stadt Bad Kreuznach, der ohne familiäre Vorprägung Jura studierte und sich nach Studium, Referendariat und Speyer-Ergänzungsstudium bewusst gegen die Großkanzlei und für den kommunalen Dienst entschied. Im Gespräch schildert er Erfahrungen aus Straf-, Zivil- und Verwaltungsstation, erklärt, wie er durch clevere Kurswahl den Speyer-Master in einem Semester absolvierte und beschreibt seinen heutigen Alltag als interne Rechtsabteilung einer Stadtverwaltung. Dort prüft er Verträge, entwirft Förderrichtlinien und deckt breite Rechtsgebiete von Miet- bis Vergaberecht ab. Wie grenzt sich die Arbeit im öffentlichen Dienst von der Kanzlei ab? Welche Rolle spielen Gleitzeit, Teilzeitmodelle und Work-Life-Balance tatsächlich? Warum können Kommunen bei rechtlich komplexen Projekten Großkanzleiaufwand erreichen und wann braucht es externe Prozessvertretung? Welche Fähigkeiten jenseits des Examens sind entscheidend, um souverän zwischen Fachämtern, Stadtrat und Bürgern zu vermitteln? Antworten auf diese und viele weitere Fragen erhaltet Ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!
