Inhaltsüberblick
Der Einstieg in die Kanzlei: Mehr als nur Paragrafen
Die Entscheidung für eine Karriere in der Kanzlei markiert für viele Juristinnen und Juristen den Übergang von der theoretischen Ausbildung in die unternehmerische Praxis. Doch Kanzlei ist nicht gleich Kanzlei. Ob internationale Großkanzlei, hochspezialisierte Boutique oder die agile Zwei-Mann-Einheit – die Wege sind so vielfältig wie das Recht selbst. In über 300 Episoden von "Irgendwas mit Recht" haben wir mit Experten gesprochen, die diesen Weg bereits gegangen sind und wertvolle Einblicke in ihren Alltag gewähren.
Einer der zentralen Gründe, warum sich junge Talente gegen den Staatsdienst und für die Kanzlei entscheiden, ist der Wunsch nach Gestaltung und unternehmerischer Freiheit. Dr. Constantin Rehaag betont in Episode 323, dass eine moderne Kanzlei kein starres System sein muss, in das man lediglich eingespannt wird. Vielmehr bietet sie den Raum, eigene Mandate aufzubauen und innovative Ideen umzusetzen. Diese Freiheit, kombiniert mit der Möglichkeit, international zu beraten, macht den Reiz der Anwaltschaft aus. Dabei spielt auch die Arbeitsatmosphäre eine entscheidende Rolle. Maria Börner berichtet in Episode 123, wie sie die Energie in einer US-Kanzlei während ihres Referendariats faszinierte: Teamgeist, Englisch als Arbeitssprache und das Gefühl, an vorderster Front wirtschaftlicher Entscheidungen zu stehen, gaben den Ausschlag gegen die Richterlaufbahn.
Doch was erwartet Dich konkret im Arbeitsalltag? Es ist oft eine Mischung aus fachlicher Tiefe und strategischem Geschick. Maria Kalin verdeutlicht in Episode 193, dass man in spezialisierten Rechtsgebieten wie dem Migrationsrecht oft in "Parallelwelten" mit eigenen Fristen und EU-rechtlichen Überlagerungen eintaucht. Hier ist es essenziell, sich schnell in komplexe Akten verbeißen zu können. Gleichzeitig wird die Arbeit in der Kanzlei zunehmend durch Technologie transformiert. Thomas Hahnen erklärt in Episode 212, dass zukunftsorientierte Kanzleien heute zweigleisig fahren: Sie nutzen allgemeine KI-Modelle für Sprachaufgaben und entwickeln parallel spezialisierte Tools wie Compliance-Co-Piloten, die mit eigenem Kanzlei-Know-how gefüttert werden. Das bedeutet für Dich: Neben juristischer Exzellenz wird technisches Verständnis immer wichtiger.
Für Praktikanten und Referendare bietet die Kanzleiwelt die Chance, das echte Handwerk live zu erleben. Pantea Farahzadi schildert in Episode 198, dass es in ihrer strafrechtlichen Praxis weniger um das Schreiben von Gutachten geht, sondern um das Erleben von Haftvorführungen und Mandantengesprächen. Es geht darum, die Balance zwischen Empathie und Hartnäckigkeit zu finden. Auch in kleineren Einheiten, wie der von Simon Schuster in Episode 133, steht die Praxisnähe im Vordergrund. Er fand seinen Weg in eine Zwei-Anwälte-Kanzlei über die Anwaltsstation und übernahm die Einheit später sogar selbst. Solche Beispiele zeigen, dass die Kanzlei-Karriere auch Raum für eine steile Entwicklung hin zur Selbstständigkeit bietet.
Branchenüblich sind dabei mittlerweile nicht nur attraktive Gehälter – in der Spitze zahlen US-Kanzleien bis zu 180.000 € zum Einstieg –, sondern auch Benefits wie Home-Office, Workation und die Förderung von Zusatzqualifikationen wie dem LL.M. oder der Promotion. Dennoch zeigt die Erfahrung unserer Gäste: Am Ende zählen oft die Soft Skills und die Neugier auf das Rechtsgebiet, wie Tino Sieland in Episode 98 treffend zusammenfasst. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und Teamgeist mitbringt, findet in der Kanzleilandschaft unzählige Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung.
Fragen & Antworten
30 Antworten aus Podcast-Episoden
Das Praxisjahr gab mir tiefe Einblicke in Mandatsführung, Verhandlungen und Teamarbeit. Ich baute Fachwissen auf, knüpfte ein Netzwerk zu Partnern und Mandanten und wusste danach: Anwaltschaft, speziell Baurecht, ist genau mein Weg. Dieses Vorsprungswissen erleichterte später den Berufseinstieg erheblich.
Aus Episode #316
IMR316: Privates Bau- und Architektenrecht, Aufbau eines neuen Teams, Bau-Management, Infrastrukturprojekte, niemals den Überblick verlieren
mit Cornelia Finster
Das sagen unsere Experten
Die Anforderungen an Juristen in Kanzleien haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Es geht nicht mehr nur darum, das Gesetz zu kennen, sondern es als Werkzeug in einem unternehmerischen Kontext einzusetzen. Hier sind einige der prägnantesten Aussagen unserer Podcast-Gäste:
Wir fahren zweigleisig: Ein eigenes, sicher gehostetes OC-GPT deckt allgemeine Sprachaufgaben ab. Parallel bauen wir Spezialmodelle, die mit unserem Kanzlei-Know-how gefüttert sind, etwa den Compliance-Co-Pilot.
Die Analyse von Thomas Hahnen zeigt deutlich, dass die Digitalisierung kein Randthema mehr ist. Wer heute eine Kanzlei-Karriere anstrebt, sollte ein Grundverständnis für Legal Tech mitbringen. Es geht darum, die Power großer Sprachmodelle mit der notwendigen Vertraulichkeit und fachlichen Tiefe zu kombinieren, um Mandanten effizienter zu beraten.
Wer nur allgemeines Verwaltungsrecht kennt, staunt über diese Parallel-Welt. Im Kern arbeite ich täglich mit dem Aufenthaltsgesetz und dem Asylgesetz – beide sind von EU-Recht durchzogen und besitzen Sonderfristen.
Maria Kalin erinnert uns daran, dass Spezialisierung der Schlüssel zum Erfolg sein kann. In Nischengebieten wie dem Migrationsrecht wird man schnell zur gefragten Expertin, wenn man die speziellen Verfahrensregeln beherrscht, die weit über das hinausgehen, was im Studium gelehrt wird.
Ich lernte meinen späteren Partner in der Anwaltsstation kennen. Seine kleine Einheit arbeitete genau zu den Umweltthemen, die mich fesselten. So entstand unsere Kanzlei – zunächst zu zweit.
Dieser Einblick von Simon Schuster unterstreicht die Bedeutung des Networkings während des Referendariats. Oft entscheidet nicht eine anonyme Bewerbung, sondern die persönliche Zusammenarbeit in der Station über den späteren Karriereweg.
Wer bei uns reinschnuppert, sollte Neugier auf Verkehrs- und Arbeitsrecht mitbringen, keine Scheu vor Mandantenkontakt haben und bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Vorkenntnisse sind kein Muss.
Tino Sieland bricht eine Lanze für die Einstellung und die Soft Skills. In vielen mittelständischen Kanzleien ist die menschliche Passung und die Einsatzbereitschaft wichtiger als das perfekte Prädikatsexamen in jedem Teilbereich. Zusammenfassend lässt sich sagen: Suche Dir ein Umfeld, das Deine Werte teilt, sei offen für technologische Neuerungen und nutze Deine Praktika, um echte Netzwerke zu knüpfen.
Vertiefung: Kanzlei allgemein im Detail
Wenn wir über die Kanzlei als Karriereziel sprechen, müssen wir sie zunehmend als ein modernes Dienstleistungsunternehmen verstehen. Hariolf Wenzler beschreibt in Episode 339 das Konzept der "Kanzlei als Plattform". Das bedeutet, dass der Erfolg einer Einheit nicht mehr allein an der juristischen Brillanz der einzelnen Anwälte hängt, sondern an der organisatorischen Schlagkraft. Eine professionelle IT, klare Operations-Prozesse sowie spezialisierte Teams für Finance und Recruiting sind das Rückgrat, das es den Juristen ermöglicht, sich voll auf die Mandatsarbeit zu konzentrieren.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Internationalität. Während man früher oft nur in Großkanzleien mit fremden Rechtssystemen in Berührung kam, zeigt das Beispiel von Alexander Hiller in Episode 89, dass auch Auslandspraktika in Kairo oder anderen Regionen den Horizont massiv erweitern können. Die Erfahrung, Verträge in zwei Rechtssystemen zu prüfen und kultursensible Kommunikation zu lernen, ist in einer globalisierten Welt ein Alleinstellungsmerkmal. Solche interkulturellen Kompetenzen werden oft unterschätzt, sind aber in der täglichen Mandatsarbeit – egal ob in der Boutique oder im Konzernumfeld – Gold wert.
Abschließend spielt die strategische Wahl des Arbeitgebers eine Rolle, die über das Gehalt hinausgeht. Während Großkanzleien (Tier 1) oft durch strukturierte Ausbildungsprogramme und Secondments (Entsendungen zu Mandanten oder ins Ausland) bestechen, bieten kleinere Einheiten oft eine schnellere Übernahme von Eigenverantwortung. Wie Maria Börner in Episode 123 betont, ist es die Mischung aus Teamgeist und der Qualität der Mandate, die langfristige Zufriedenheit stiftet. Wer im Referendariat verschiedene Modelle ausprobiert – von der Großkanzlei wie Herbert Smith Freehills (Episode 258) bis zur spezialisierten IP-Boutique wie Bird & Bird (Episode 194) – wird am besten herausfinden, welches System zum eigenen Temperament passt.
Über den Autor
Marc Ohrendorf
Gründer, Irgendwas mit RechtMarc ist Gründer von Irgendwas mit Recht und hat als Jurist und Podcaster mit über 350 Episoden einzigartige Einblicke in die juristische Berufswelt gesammelt. Für die Karriere-Artikel recherchiert er aktuelle Entwicklungen und spricht mit Expertinnen und Experten aus Kanzleien, Unternehmen und dem öffentlichen Dienst.
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30 relevante Podcast-Folgen
IMR316: Privates Bau- und Architektenrecht, Aufbau eines neuen Teams, Bau-Management, Infrastrukturprojekte, niemals den Überblick verlieren
mit Cornelia Finster
Marc spricht mit Cornelia Finster, Senior Associate bei Redeker Sellner Dahs in München, über ihren Weg von der ländlichen Heimat ins Jurastudium an der LMU, ihr Orientierungsjahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin und die Faszination für das private Bau- und Architektenrecht, das sie seitdem nicht mehr loslässt. Die beiden beleuchten, wie Cornelia nach Stationen in Bonn und München ein ganzes Baurechtsteam an einem neuen Standort mitaufgebaut hat, warum Zeit auf der Baustelle wirklich Geld bedeutet, welche Kettenreaktionen entstehen, wenn der Rohbau stockt, und weshalb gut durchdachte Vertragsklauseln oder Schiedsvereinbarungen oft wichtiger sind als ein langwieriger Prozess. Außerdem erklärt Cornelia, wie sie sich mit YouTube-Videos zu Tunnelbohrern oder Spundwänden technisches Grundwissen aneignet und wie Teamgeist bei komplexen Infrastrukturprojekten den Unterschied macht. Wie vermittelt man zwischen Bauherr, Architekt und Fachplaner, wenn Stillstand droht? Weshalb kann ein kurzer Abstecher in eine andere Kanzlei der Karriere die entscheidende Richtung geben? Und wie gelingt es, Großprojekte von der ersten Skizze bis zur Abnahme juristisch zu begleiten, ohne den Überblick zu verlieren? Antworten auf diese und viele weitere Fragen erhaltet Ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!
IMR194: Die ersten Tage in der Kanzlei, IP- und Patentrechtsfokus, Karriereevents
mit Petra Römers
In Folge 194 Eures Jurapodcasts ist Petra Römers zu Gast. Petra ist Associate im Düsseldorfer Büro von Bird & Bird und dort in der IP-Praxisgruppe mit dem Schwerpunkt Patentrecht zuständig. Warum hat sie sich für den Berufseinstieg in der Wirtschaftskanzlei entschieden? Wie lief das Bewerbungsverfahren ab? Wie muss man sich die ersten Tage in der Kanzlei vorstellen? Wie könnt Ihr Petra und ihre Kollegen auf Kanzleievents treffen? Antworten auf diese Fragen sowie spannende Perspektiven zum Berufseinstieg erhaltet Ihr in dieser Folge von IMR. Viel Spaß!!
IMR115: Kanzlei, Konzern und juristische Kommunikation | Vice President Deutsche Telekom
mit Andrea zur Nieden
In der heutigen Folge berichtet Andrea zur Nieden von ihren vielfältigen Erfahrungen: Von der Großkanzlei über das Kartellamt bis zur Unternehmensjuristin und Managerin bei der Deutschen Telekom hat sie in ihrer Karriere bereits vielseitige Positionen inne gehabt. Als Vice President Breitbandförderung beschäftigt sie sich in ihrer aktuellen Rolle in erster Linie nicht nur mit juristischen, sondern mit strategischen und kommunikativen Fragestellungen. Wir sprechen über Kommunikation in Teams, Innovation und die Unterschiede zwischen juristischer vs. Management-Perspektive. Inwieweit müssen sich Jurist*innen in diesem Zusammenhang anpassen? Was erwarten andere Abteilungen und wie wirkt sich dies auf juristische Kommunikationsprozesse aus? Wie unterscheidet sich die Arbeit als Unternehmensjuristin von der als externe Beraterin? Warum fällt es vielen Jurist*innen schwer, dem Management eine kurze und verlässliche Antwort als Arbeitsprodukt zu liefern? Dies und vieles mehr erfahrt ihr in dieser sehr offenen und vielseitigen Podcast-Folge. Inspiration für Euren individuellen Weg garantiert. Viel Spaß!
IMR258: Kanzlei im Ref kennenlernen, verschiedene Rechtsgebiete ausprobieren, Finanzaufsichtsrecht, Banking & Finance
mit Sophia Peter
In Episode 258 von Irgendwas mit Recht ist Sophia Peter von Herbert Smith Freehills zu Gast. Als Rechtsanwältin im Bereich Bankaufsichtsrecht gibt sie spannende Einblicke in ihren Berufsweg und die tägliche Arbeit mit internationalen Mandanten. Wie hat ihr das Referendariat bei der Berufswahl geholfen? Warum kann man das Rechtsgebiet, in dem man beim Berufseinstieg arbeitet, vielleicht gar nicht voraussehen? Wie kommt man überhaupt zum Bankaufsichtsrecht und warum ist dieser Bereich so komplex? Welche Herausforderungen bringt die internationale Regulierung für Banken mit sich und wie gehen Rechtsabteilungen sowie ihre Berater mit immer strenger werdenden Anforderungen um? Außerdem sprechen wir über den Wert eines LL.M. und die Frage, ob eine Promotion wirklich notwendig ist, um in einer internationalen Großkanzlei erfolgreich zu sein. Viel Spaß mit dieser neuen Folge Eures Nr. 1 Jura-Podcasts zu allen Karrierethemen!
